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NOVA - Teil 3: Parker - Kapitel 8

“Sir, sie aktivieren ihre Waffen!” Mihaila war unangemessen aufgeregt, wie Parker befand. In dieser Situation war Besonnenheit Pflicht und er musste sich auf seine Untergebenen blind verlassen können.
“Verteidigungsformation! Lassen Sie die Begleitflotte ausschwärmen! Und fordern Sie Verstärkung von allen nahe gelegenen Stützpunkten an!” Parker wusste, dass diese Verstärkung nicht mehr als Wunschdenken war. Die militärischen Stützpunkte an der Grenze zum Unionsraum waren traditionell schwach besetzt, waren die Beziehungen zur Union doch seit Jahrhunderten geprägt von Vertrauen und wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Und die massive Streitmacht, die vor wenigen Minuten erst in den Hyperraum verschwunden war, würde auch erst am Ziel ihrer Reise wieder Funksprüche empfangen können. Bis dahin würde hier alles schon längst geschehen sein. Doch eine Frage beschäftigte Parker mehr als alles andere.
“Parker, sie sind uns um mehr als das Zweifache überlegen! Wir werden diese Stellung nicht lange halten können. Wir sollten uns so schnell wie möglich zurückziehen!” Tanya war aufgebracht, wütend. Sie wollte nicht hier sterben, nur weil Parker mal wieder nicht fähig war, sich seine Unterlegenheit einzugestehen.
Er jedoch ignorierte ihre Forderungen und blickte gebannt auf die Projektion, auf die immer näher kommenden Schiffe der Allianz. “Wie kommen die auf den Gedanken, mich angreifen zu können? Ich bin Parker, verdammt noch mal! Niemand greift Parker an!”
Tanya stieß einen wütenden Schrei aus. “Aber du hast doch angefangen! Die Allianz wollte Krieg mit der Union und den hat sie bekommen. Du musstest dich ja unbedingt einmischen, nicht weil du helfen wolltest, sondern um deine Kassen zu füllen. Aber durch dein hirnrissiges Unternehmen hast du dich auf die Seite der Union gedrängt. Jetzt hast du dich der Realität zu stellen, dass die Allianz keine allzu große Angst vor ihren Feinden hat!” In diesem Moment war Tanya so glücklich wie lange nicht mehr, auch wenn sie vor Wut überquoll. Parker war überrascht und verwirrt. Es schmerzte ihn, nicht Herr seiner Lage zu sein und das zu beobachten bereitete ihr ein sadistisches Vergnügen.
Mihaila meldete sich zu Wort: “Alle Raumabwehrgeschütze sind bereit. Gefechtsstände bemannt. Die Jäger der Begleitflotte sind gestartet.”
Für einen kurzen Moment schien es, als hielte die Flotte der Allianz ihre Position. Ihr Tempo verlangsamte sich immer weiter. Doch sie hielten allein deswegen inne, um ihrerseits Jäger zu starten. “Sir, sie haben jetzt etwa doppelt so viele Maschinen in der Luft, wie wir!”
“Allianzflotte geht wieder auf volle Fahrt!”
“Parker, fliehen Sie! Noch ist Zeit.” Thomas blieb äußerlich gelassen. Sein Blick sprang auf der Projektion von Punkt zu Punkt, nahm jede Formation genau ins Auge. Er hoffte Parker wusste, dass ein Apache nur im absoluten Extremfall die Flucht empfahl.
Parker wandte sich um und blickte den Apachen an. Thomas sah in seinem Blick eine traurige Verzweiflung. Es schien ihm, als wollte Parker fliehen, allein er konnte es nicht.
“Projektorgeschütz aktivieren!” befahl Parker. “Die werden schon sehen, was es heißt, sich mit mir anzulegen!”

*

“Die 19 und die 23 drehen mit Triebwerksschäden ab. Der Antrieb der 23 ist soeben explodiert.”
Entsetzt beobachtete Parker, wie die P-HC-023, nicht mehr als ein kleiner Punkt in der Projektion, zu einer gelben Kugel aufquoll und dann verschwand. Nicht das erste Schiff, das er in den letzten Minuten so hatte enden sehen.
Ihre zahlenmäßige Überlegenheit hatte der Allianz eine Menge gebracht. Zwar waren die Jäger von PARKER wendiger und feuerkräftiger und hatten ihre Widersacher schnell zurückschlagen können. Im Kampf Schiff gegen Schiff jedoch war ein PARKER-Kreuzer allein dem Feuer mehrerer Allianz-Schiffe hilflos ausgeliefert.
Mihaila hielt sich den Kopf. Blut floss aus einer Platzwunde, die er sich zugezogen hatte, als eine Erschütterung ihn aus seinem Sitz geschleudert hatte. “Sir, drei Kreuzer der Allianz halten auf uns zu! Sie eröffnen das Feuer!”
“Ausweichmanöver!” Hastig suchte Parker das Schlachtfeld ab. “Da!” rief er erleichtert auf, als er sein Ziel gefunden hatte. “Führungsschiff der Allianz auf Marke 7. Steuer, Kurs auf das Führungsschiff nehmen!” Grimmig blickte er auf das kleine Objekt, das er rot eingekreist hatte. “Die wollten meinen Kopf. Jetzt hole ich mir ihren!”
Tanya hielt Ismaels Hand. Zwar war das Gemetzel über Timmans Planet schlimmer gewesen, immerhin konnten sie nun das Feuer erwidern, doch hatte damals Ismael selbst die Kontrolle gehabt. Nun musste er hilflos zusehen, wie die Yacht durch das Feindfeuer hindurch preschte und sich ihren Weg durch treibende Wracks bahnte.
Thomas stand neben der Projektion und schüttelte den Kopf. Parker hatte in seinem blinden Eifer mehrfach Schiffe ihrem Schicksal überlassen, nur um selber ein angeschlagenes Ziel abschießen zu können. Inzwischen bemühte er sich auch schon gar nicht mehr, auf Fehler hinzuweisen.
“Nähern uns dem feindlichen Führungsschiff. Waffenreichweite in zehn Sekunden. Sie starten Abfangjäger.”
“Feuer! Feuer frei mit allem, was wir haben!”
Während die Flaks der EINS bemüht waren, die Abfangjäger des Allianzschiffes in Schach zu halten, glühte der gläserne Zylinder, das Projektorgeschütz am Ende des Schwanenhalses auf. In schneller Folge wurden ein Dutzend Bomben in den Körper des feindlichen Schiffes versetzt und zur Explosion gebracht, noch bevor die Allianztruppen ihrerseits ihre Geschütze hatten ausrichten können.
Für einen Moment war es still. Das Schiff der Allianz, eine Art flacher Pyramide mit zahlreichen Aufbauten, schien absolut unbeschädigt. Dann zeichneten sich feine Risse ab, winzig klein in der Projektion, meterbreit in der Realität, aus denen grelles Licht strahlte. Dann brach das Schiff auseinander. Trümmer wurden in alle Richtungen fortgeschleudert. Auch auf die EINS zu.
“Na also!” jubilierte Parker verbissen.
“Kollisionsalarm!” schrie Mihaila. “Mehrere Trümmerteile kommen direkt auf uns zu!”
“Ausweichmanöver! Die Flaks sollen den Dreck abschießen!”
Ein schwerer Schlag erschütterte die Yacht, warf Tanya zu Boden. Thomas war sofort an ihrer Seite und stützte sie, noch ehe Ismael überhaupt realisiert hatte, was geschehen war.
“Es hat nicht ganz gereicht, Sir. Eines der Trümmerteile hat uns erwischt. Steuerbordantrieb schwer beschädigt. Wird heruntergefahren. Verlustmeldungen treffen ein.”
Parker winkte ab. “Später!” Im Moment hatte er wahrlich weder die Zeit noch die Nerven, sich vorhalten zu lassen, wie viele Menschen er in den Tod geschickt hatte.
Thomas hatte sich noch einmal vergewissert, dass es Tanya wirklich gut ging. Sie hatte sich im Sturz die Hand aufgeschlagen, aber weder das Blut noch die abgeschürfte Haut schienen sie zu beeindrucken. Sie war eine Kämpferin, das imponierte dem Apachen. “Parker, drehen Sie endlich ab und fliehen Sie! Sie sind in der Unterzahl und das wird sich auch nicht mehr ändern! Ihr eigenes Schiff ist inzwischen schwer angeschlagen. Fliehen Sie! Fliehen Sie, solange noch nicht alles verloren ist!”
Wieder war da dieser Blick. Thomas blickte Parker an und sah hinter dem abweisenden Ausdruck einen Schimmer der Verzweiflung. Einen kleinen Jungen, dessen Trotz ihn in ein unlösbares Dilemma geführt hatte. Doch dann fing sich Parker wieder. “Wenn du, oh mächtiger Apache, so große Angst hast, dann hau doch ab! Ismael nimmt dich bestimmt gerne mit auf seinem mickrigen Boot.”
Dunkelheit. Einen Augenblick lang gab es nur ein lautes Krachen und Schreie, dann kehrte das Licht zurück. “Projektorgeschütz ausgefallen! Projektor ausgefallen. Backbordantrieb leicht beschädigt!” Die Yacht war gefangen. Sie konnte sich nicht mehr wehren, nicht mehr fliehen. Und selbst kurze Strecken wurden ein Ding der Unmöglichkeit. “Hüllenbrüche auf den Decks 3, 15 und 27. Feuer in Frachtraum 4.”
Mihaila wartete vergeblich auf eine Reaktion. Von Parker kam kein Befehl, keine bissige Erwiderung, dass ihn das alles im Moment nicht interessierte. Parker lag reglos neben einer Konsole. “Sir! Sanitäter! Sanitäter auf die Brücke!”
Der Moment war gekommen. Thomas drehte sich zu seinen Kameraden um. Er sah Ismael an, der verzweifelt auf die flackernde Projektion starrte. Er sah Tanya an, die zwischen Genugtuung und Angst schwankend den hilflosen Parker ansah. “Lasst uns gehen! Komm, Tanya! Ismael!”
Für Ismael war es, als erwachte er aus einem endlosen Albtraum. Die Realität war zwar kein Stück rosiger, aber dank Thomas konnte er endlich wieder etwas tun. Sie liefen los, dem Ausgang entgegen.
“Halt!” Ismael fuhr zusammen. Tanya war ihnen nicht gefolgt, stand noch immer mitten auf der zerstörten Brücke. Was war mit ihr los? Wollte sie etwa hier bleiben, bei Parker? Das konnte doch nicht sein. Wollte sie dabei zusehen, wie Parkers Leben endgültig zerstört wurde? “Wir können nicht einfach abhauen! Erst müssen wir ins Labor. Nachdem wir all das hier durchgemacht haben, sollten wir wenigstens die Daten der NOVA retten, sonst war wirklich alles umsonst!”
Ismael sah Thomas fragend an. Der Apache nickte stumm. Sie rannten los.

*

“Er ist tot.” Tanya sah von dem leblosen Wissenschaftler auf, der vor dem Eingang zum erst vor wenigen Tagen eingerichteten Labor lag.
Überall auf dem Boden, im Labor wie im Korridor davor, lagen Zettel und Speichersticks verstreut. In einer Ecke des Labors loderte ein Feuer, ließ sein Licht über zahlreiche weitere tote Körper flackern.
“Lasst uns keine Zeit mehr verlieren!” verkündete Thomas. “Greift euch alles, was brauchbar aussieht, und dann nichts wie weg!”
Alle drei begannen damit, jeden Zettel umzudrehen, jeden Stick in die Hand zu nehmen und nach Beschriftungen zu suchen. Nach ein paar Minuten wollte Tanya, die noch immer mit leeren Händen dastand, vorschlagen, einfach alles mitzunehmen, was sie tragen konnten.
“ARK NOVA Logs Final, das klingt doch viel versprechend!” Ismael hielt einen Stick in seiner Hand und streckte ihn triumphierend in die Höhe.
“Ganz toll hast du das gemacht”, kommentierte Tanya trocken. “Los jetzt, ab zum Schiff!”

*

Es war nicht mehr weit zum Hangar. Das Deck stimmte zumindest schon einmal, da war sich Thomas sicher. Hoffte er zumindest. Die Dunkelheit in den Korridoren und die allgegenwärtige Zerstörung erschwerten seine Aufgabe erheblich.
“Warum evakuiert der Mann das Schiff denn nicht?” fragte Ismael, der bereits seit Minuten den Befehl zu hören erwartete, das Schiff endlich aufzugeben.
“Er ist Parker”, entgegnete Tanya, so als sagte das alles Nötige aus. “Ein Parker gibt niemals auf, auch wenn es seinen Tod bedeutet.”
Kurz hatte Thomas den Impuls, laut “Aha!” auszurufen, doch er besann sich eines Besseren und öffnete einfach still das Schot, das in den Hangar führte. Zumindest er selbst konnte stolz darauf sein, den Weg gefunden zu haben.
Mitten im Raum stand die NOVA, ihre Hülle in einem gleichmäßigen matten Silber glänzend. Ohne die wahllos verteilten Flecken verschiedener Materialien wirkte sie wie ein ganz anderes Schiff.
Erstaunt blieb Tanya stehen und betrachtete die runderneuerte Maschine. “Hey, das Schiff ist ja richtig hübsch geworden. Kein Vergleich zu dem Schrotthaufen von früher.”
Ismael verhielt im Frachtraum der NOVA und rief zu Tanya hinaus: “Willst du da draußen bleiben, oder was wird das?”
Wortlos setzte Tanya sich in Bewegung und spurtete durch die sich schließende Frachtluke.
Ismael ließ sich erschöpft in seinen Pilotensitz fallen und atmete tief durch. Fragend blickte er den Apachen an. “Und nun? Die Hangartore sind noch geschlossen. Und wenn wir erst einmal da draußen sind, schießen die uns doch auch gleich ab. Thomas, ich hoffe du hast einen Plan!”
Der Apache nickte und betätigte den Schalter, um den Projektor aufzuladen. “Der Hangar ist locker zweihundert Meter lang. Auf jeden Fall genug Anlauf.”
Ismael starrte den Apachen an, als sei er wahnsinnig geworden. “Du willst, dass ich einen Vortex innerhalb des Schiffes öffne? Du bist ja lebensmüde!”
“Keine Sorge.” Thomas lächelte. Ismael hatte ihn in solch einer Situation noch nie lächeln gesehen. Er war sich nicht sicher, ob das ein gutes Zeichen war. “Du gibst nur so viel Energie auf das Projektil, dass wir ein halbes Lichtjahr weit fliegen. Der Riss sollte dann so klein und energiearm sein, dass er der EINS keinen größeren Schaden zufügt.”
“Hoffentlich irrst du dich nicht!” brummte Ismael und ließ die NOVA langsam vom Boden abheben.
“Projektil bereit. Feuer!”
Thomas hatte sich geirrt. Das Projektil flog durch den Hangar und durchschlug das Hangartor. Dann erst zündete es.
“Vorsicht!” rief Thomas, aber Ismael war wieder Herr der Lage. Geschickt wich er den Bruchstücken des Tores aus, die von dem sich schlagartig ausbreitenden Vortex durch den Hangar geschleudert wurden.
“Der Riss breitet sich zu sehr aus!” erkannte Ismael und beschleunigte stärker. Die NOVA erreichte den Riss gerade rechtzeitig. Als das Schiff die Schwelle des Vortex vollständig überquert hatte, berührten seine Ausläufer die Hülle der EINS. Mit einem so mächtigen Schlag, dass die Yacht hilflos durch den Raum gewirbelt wurde, bildeten sich auf ihrer Hülle zwei Ringe aus Feuer. Einer fiel in sich zusammen und verschlang den Riss. Der andere Ring breitete sich aus und fraß sich durch die Yacht, Deck für Deck.
Die Menschen an Bord der NOVA bekamen davon nichts mehr mit. Sie hatten gesehen, wie sich der Riss geschlossen hatte. Mehr wussten sie nicht.
“Austritt aus dem Hyperraum in zehn Minuten!” verkündete Ismael. “Und wohin dann?”
Thomas blickte aus der Sichtkuppel in den grauen Raum hinaus. “Erst einmal nur weg. Einfach weg, immer geradeaus. Tanya, du wirfst jetzt besser mal einen Blick in die Logbücher. So langsam will ich in dieser Geschichte auch mal zu Ergebnissen kommen!”

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