NOVA - Teil 3: Parker - Kapitel 4
Während des Essens herrschte Stille. Captain Jefferson hatte Ismael, Thomas und Tanya in eine menschenleere Kantine geführt. Der Raum, der sicherlich gut hundert Menschen Platz geboten hätte, war bis auf einen einzelnen Koch völlig verlassen. Wortlos brachte dieser vier Portionen Fisch aus der Küche und stellte sie auf den Tisch. Denise hatte einen Platz mitten im Raum gewählt, etwa gleich weit entfernt von beiden Ausgängen. Wachen hatten sich neben den Türen postiert.
Ismael sah Tanya nach jedem Bissen fragend an, doch sie blickte stur auf ihren Teller und schwieg.
Nach dem Essen wollte Jefferson sofort aufspringen und ihre Gäste zurück zu den Quartieren führen, doch Thomas unterbrach sie. “Was ist mit den Cherokee?”
Für einen Moment wirkte Denise verdutzt, doch sie fing sich sofort wieder. “Die Cherokee, selbstverständlich. Da wir schnell springen mussten, konnten wir die Funkverbindung nicht mehr im Normalraum herstellen. Aber wir können gleich gerne eine Nachricht aufnehmen, die ich den Cherokee zustellen lasse, sobald wir wieder senden können.”
Thomas nickte. “Einverstanden.”
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Jefferson hatte es Ismael und Tanya überlassen, allein zu ihren Quartieren zurückzukehren. Wobei “allein” bedeutete, dass sie von vier Soldaten begleitet wurden, stets mit wenigen Schritten Distanz.
Als sie zu sechst in einen Aufzug eingestiegen waren, um zu ihren einige Decks tiefer gelegenen Quartieren zu fahren, räusperte Ismael sich. “Sag mal, Frau Doktor, du scheinst hier bekannter zu sein, als ich dachte.” Tanya schwieg. “Mir war ja schon klar, dass ich mich auf eine fragwürdige Unternehmung eingelassen habe, als du mich angeheuert hast. Ich meine, du hast eine Menge Geld zur Verfügung, schnappst dir aber den unerfahrenen Kapitän eines schrottreifen Kahns. Und woher wusstest du, wohin wir fliegen mussten? Ganz zu schweigen von deiner Panikattacke vorhin und der Tatsache, dass wir drei von PARKER gefangen gehalten werden, egal wie oft diese Denise auch betonen mag, dass alleine du hier die Gefangene bist. Hättest du nicht wahnsinnige Lust, mich über einige Details aufzuklären?”
Der Aufzug hielt an. Tanya stieg wortlos aus.
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Thomas räusperte sich. In dem Moment, als er den Raum betreten hatte, hatte sich ein seltsam raues Gefühl in seinem Hals breitgemacht.
Der Raum enthielt nicht viel mehr als einen Tisch und einen Stuhl, schmucklos und kalt. Auf dem Tisch befand sich ein simpler Rekorder, ein Standfuß mit einem langen, biegsamen Hals, an dessen Ende sich eine Kamera befand.
Thomas räusperte sich. Er hätte nach Wasser fragen sollen, überlegte kurz, ob er Denise hereinrufen sollte, entschied sich dagegen. Er wollte diese Angelegenheit schnell aus der Welt schaffen.
Der Aufnahmeknopf leuchtete in drohendem Rot, wartete darauf, niedergedrückt zu werden. Thomas ließ seinen Zeigefinger einige Sekunden über dem roten Licht schweben, dann startete er die Aufnahme, drückte den Knopf so tief ein, dass er befürchtete, den Rekorder beschädigt zu haben.
“Ich bin Thomas d’Apache, das letzte noch lebende Mitglied meines Clans. Diese Nachricht ist bestimmt für die Oberhäupter der Cherokee.”
“Byron of Cherokee ist tot.”
“Vor sechs Tagen starb der außer mir letzte Apache. Vor sechs Tagen endete die Geschichte meines Clans. Meine Brüder und Schwestern wurden vergiftet. Ich fand heraus, dass die vergifteten Lebensmittel von einem Handel mit Byron stammten. Es war meine Pflicht, ihn zur Rechenschaft zu ziehen.”
“Ich spürte ihn auf und nahm Rache. Wieder und wieder war ich bemüht, ihm einen langsamen Tod zuteil werden zu lassen. Doch immer kam mir der Zufall dazwischen. Ein glücklicher Zufall, wie ich nun eingestehen muss. Denn geblendet von meiner Wut hatte ich keinen Gedanken daran verschwendet, mir Byrons Sicht der Dinge anzuhören. Erst viel später erfuhr ich, dass er von nichts gewusst hatte. Mein Clan war dem Konflikt zwischen Allianz und Union zum Opfer gefallen. Ich hatte Byron zu Unrecht beschuldigt, zu Unrecht gequält.”
“In seinen letzten Minuten erwies Byron sich als Held, rettete nicht nur meines, sondern auch das Leben zweier weiterer Menschen. Byron starb einen Tod, wie er eines Cherokee würdig ist.”
“Von nun an stehe ich in der Schuld der Cherokee. Es obliegt Ihrem Urteil, was mit mir geschehen soll.”
“Byrons Leichnam befindet sich an Bord eines Schiffes von PARKER Industries. Man sagte mir, Sie würden in den kommenden Tagen von PARKER Nachricht erhalten.”
Thomas drückte den Knopf, beendete die Aufzeichnung. Er wusste nicht mehr, was er noch sagen sollte.
Der Apache fragte sich, ob die Cherokee wohl jemals seine Schuld einfordern würden. Selbstverständlich würden sie das tun, da kannte Thomas die Cherokee nur zu gut.
Er fragte sich auch, ob sich irgendjemand um Byrons Tod scheren würde. Selbstverständlich würden sie das nicht tun, da kannte Thomas die Cherokee noch viel besser.
*
Ismael blickte verschlafen auf die Zeitanzeige neben seinem Bett. Sechs Uhr. Das ruhige aber bestimmte Signal hätte für seinen Geschmack ruhig etwas später ertönen können.
Als er das Licht anschaltete, erwachte der Monitor gegenüber seinem Bett zum Leben. Denise erschien darauf, freundlich lächelnd. Ruckartig zog sich Ismael die Bettdecke bis ans Kinn.
“Guten Morgen. Es ist jetzt sechs Uhr in der Früh. Bitte machen Sie sich etwas frisch. Ich werde Sie drei in einer halben Stunde abholen kommen, damit Sie auf ein anderes Schiff wechseln können.”
Auf ein anderes Schiff wechseln? Wohin? Und wozu überhaupt? Und die HANNA? Sollte die etwa hier bleiben?
“Bis um halb sieben dann. Und Ismael? Keine Sorge, selbstverständlich wird die HANNA mit verlegt.”
Denises Gesicht verschwand.
*
Tanya wusste nur zu gut, was ihr nun bevorstand. Sie stand schon seit Stunden vor dem virtuellen Fenster ihrer Kabine. Die Projektion hatte sich vor wenigen Minuten gewandelt. Das endlose Grau des Hyperraums war der Schwärze des Normalraums gewichen. Doch der Raum war nicht so leer, wie es Tanya lieb gewesen wäre. Es wimmelte nur so von PARKER-Schiffen aller Größenordnungen. Um mehrere Raumbasen herrschte reger Verkehr. Kreuzer, Träger, Jagdstaffeln, Frachter flogen in alle Richtungen, scheinbar chaotisch und doch auf den Meter genau koordiniert.
Und dort, inmitten des Gewirrs, hatte Tanya das eine Schiff erblickt, in dessen Nähe sie nie wieder hatte kommen wollen. Strahlend weiß durchkreuzte die in ihrer Form entfernt an einen Schwan erinnernde Yacht die Flotte ihres Besitzers.
“Parker.”