NOVA - Teil 2: Der Kessel - Kapitel 6
Ismael und Thomas saßen mehrere Stunden beisammen, warteten auf die Ergebnisse Ismaels neurologischer Tests, verzögert durch die immer wieder eintreffenden Opfer des Bombardements, und redeten.
Thomas hatte Ismael kurz nach seinem Erwachen gefragt, wer Hanna sei. Anscheinend hatte er in seinen Träumen laut gesprochen, immer wieder ihren Namen gerufen.
Und so erzählte Ismael dem Apachen alles. Wie sie sich einst, damals noch Kinder, begegnet waren, beide Waisen. Ismael hatte seine Eltern nie gekannt, war bereits seit frühester Kindheit im Waisenhaus aufgewachsen. Hanna, ein Jahr jünger als er, hatte ihre Eltern an ihrem fünften Geburtstag verloren und war kurz darauf ins Heim gekommen.
Ismael war beim besten Willen nicht der stärkste Junge im Heim gewesen, aber als er gesehen hatte, wie dieses kleine Mädchen, schüchtern zwischen dem ihr wild ins Gesicht hängenden blonden Haar hervor guckend, durch die Gänge geführt wurde, wie es so verloren wirkte in dieser Welt, die ihm schon vertraut war, da wusste er, dass er für sie da sein musste.
Und so waren Jahre vergangen, Hanna und Ismael immer Seite an Seite. Doch mit der Zeit hatten sich die Dinge geändert, entdeckte sie mehr und mehr ihr Interesse für andere Jungs. Die Schulzeit war nicht leicht für Ismael, als Streber verschrien und nur bedingt beliebt. Und das Mädchen, das er liebte, wanderte von Freund zu Freund, nur um stets bei ihm Halt zu suchen, sich auszuweinen. Und immer hörte er geduldig zu, wie schlecht man sie behandelt hatte, wie ungerecht das Leben doch sei und was denn dagegen spräche, dass auch sie endlich einmal glücklich sein sollte.
Stets hatte Ismael die selbe Antwort auf den Lippen gehabt, stets hatte er es sich im entscheidenden Augenblick anders überlegt.
“Wieso bitte hast du ihr denn nie gesagt, was du für sie empfindest?” fragte Thomas verwundert. Seine Stirn lag in Falten und sein Blick war traurig. “Das wäre doch allemal besser gewesen, als dich jahrelang zu quälen und jetzt mit leeren Händen dazustehen.”
Ismael seufzte. “Ja, ich weiß doch, aber was, wenn es schiefgegangen wäre? Dann hätte ich sie für immer verloren!”
Der Apache wollte zu einer Erwiderung ansetzen, doch Ismael kam ihm zuvor. “Ja, ich weiß, dass ich weggelaufen bin und jetzt mit nichts dastehe. Aber sie hat mir so sehr wehgetan! Ich habe jahrelang gearbeitet, um ihr etwas Gutes zu tun, sie von diesem elenden Planeten fortzuschaffen und sie behandelt mich wie Dreck.”
Vernachlässigt hatte er sie, das schien sein Gewissen in sein Hirn hämmern zu wollen, wieder und wieder. Vernachlässigt. Seine Schuld war es, allein seine.
“Jeden Tag wünsche ich mir, wieder auf Mantis aufzuwachen, in der Hoffnung all dies sei ein Traum gewesen, in der Hoffnung ihr sagen zu können, was ich empfinde. Wenn ich den Mut hätte, ich würde mich sofort ins Schiff setzen und zu ihr zurück fliegen! Doch weiß ich auch, dass sie mich nicht sehen will.”
Thomas schüttelte den Kopf und gab Ismael einen Klaps auf die Schulter. “Der arme Junge”, dachte er, und fragte sich kurz, ob er eines Tages mit seinem Sohn ein ähnliches Gespräch führen würde. Bis ihm einfiel, dass es diesen Sohn nie geben würde.
*
Byron war nicht tot. Ein Teil von ihm war enttäuscht und traurig darüber.
Mit einem immer höher ansteigenden, schließlich ins Unhörbare entschwindenden Heulen gaben die Notstromaggregate der Krankenstation bekannt, dass sie ihre Arbeit aufgenommen hatten.
Nach einigen Minuten trat Doktor Nigham zu Byron und Tanya. “Okay, dann machen Sie doch mal den Mund auf und lassen Sie mich Ihre Zähne bewundern.”
Byron rollte mit den Augen und öffnete den Mund so weit es ging. Vielleicht war ja doch nicht alles in Ordnung und er konnte noch eine Weile bleiben, hier ausharren und Zeuge der langsamen Zerstörung dieser unterirdischen Welt sein.
Irgendwo knackten Lautsprecher. Stimmen erklangen. Die erste Stimme gehörte einem Mann. Eine raue Stimme, alt oder früh gealtert.
“Hey, was soll das? Ihr könnt hier nicht so einfach— Pass bloß auf, wo du das Ding hin hältst! Mach keinen Scheiß!”
Die zweite Stimme, eine Frau, tief und quäkend. Byron wusste, dass er diese Frau nicht mochte.
“Alle mal herhören! Die Allianz bombt uns diesen verdammten Planeten unter dem Arsch weg! Dagegen können wir nichts tun, wir haben keine Waffen. Aber ich hab keine Lust, hier einfach herumzusitzen und darauf zu warten, dass mir endlich eine Bombe auf den Kopf fällt! Um genau zehn Uhr öffnen sich die Tore nach draußen. Die Verwaltung kann tun was sie will, um Schlag zehn stürmen wir die Schlatzentralen. Die Tore gehen auf und wir fliegen raus. Jeder der will fliegt los! Wir können die Allianz nicht bekämpfen, aber ich will verflucht sein, wenn wir ihre Blockade nicht irgendwie durchbrechen können, sei es nur durch unsere schiere Überzahl! Zehn Uhr, macht euch bereit!”
Byron blickte Tanya fragend an. Sie schaute auf ihre Uhr. Es war fünf vor neun.
*
Es war viertel vor zehn. Abertausende Menschen drängten sich auf den Landefeldern, waren bemüht zu ihren Schiffen zu gelangen. Allenthalben fiel ein Schuss, fiel einer der Fliehenden zu Boden, während ein anderer den frei gewordenen Weg nutzte oder sich des Schiffes des Toten bemächtigte.
Niemand achtete mehr darauf, dass immer wieder der Boden erbebte und Donnerhall die unterirdische Welt von Timmans Planet durchzog.
Ismael hatte alle Mühe, mit Thomas Schritt zu halten. Der Apache legte jedoch bewusst nicht das Tempo vor, zu dem er fähig gewesen wäre. Er war auf den jungen Mann hinter ihm angewiesen, auf sein Schiff. Wie eine Naturgewalt durchpflügte er die Menschenmenge, schuf einen Korridor durch die aufgebrachten Flüchtlinge.
Thomas hatte vor dem Abmarsch ein herumliegendes Kabel an seinen Gürtel gebunden und es Ismael um die Hüfte gewickelt. So musste sie jemand schon gewaltsam trennen wollen, und das würde der Apache zu verhindern wissen.
Kurz nach der Durchsage, dem Aufruf zur kollektiven Flucht, hatte die planetare Verwaltung in einer Panikreaktion den Strom für das Schienennetz lahmgelegt. Sie hatten verhindern wollen, dass die Menschen rechtzeitig zu ihren Schiffen gelangten, von dem zum Teil viele Kilometer weiten Fußmarsch bis zu den Liegeplätzen Abstand nahmen.
Wie Thomas die Situation am Boden einschätzte, würden die ersten Schiffe um zehn Uhr starten können, der große Exodus würde aber noch einige Zeit länger auf sich warten lassen. Er rechnete aufgrund der weggefallenen Bahnverbindungen mit mindestens einer halben Stunde Verzögerung. Doch egal wann es losging, das Chaos war unvermeidlich geworden.
“Da hinten ist sie!” rief Ismael und deutete schräg nach rechts. Zwischen einigen kleinen Frachtern konnte Thomas in der Ferne die HANNA stehen sehen.
*
Byron bewegte seinen Unterkiefer einige Male in alle Richtungen. Einerseits fühlte er sich, als sei nie etwas gewesen, andererseits war da trotzdem dieses unterbewusste Gefühl, dass noch nicht alles in Ordnung war.
“Bist du soweit?” fragte Tanya.
Byron hätte noch eine Weile hier liegen bleiben können. Er hätte in aller Ruhe warten können auf die Dinge, die bevorstanden. Hätte die Allianz den Planeten eingenommen, er hätte keinen Widerstand geleistet. Wieso auch? Wäre die Welt über ihm zusammengebrochen, es wäre in Ordnung gewesen.
Aber Tanya hatte ihm in den letzten Tagen schon so oft geholfen. Er stand bis zum Hals in ihrer Schuld.
“Klar, lass uns gehen!”
*
Als sich die Frachtluke der HANNA mit lautem Brummen öffnete, wandten sich dutzende Augenpaare Ismael zu. Lauter Menschen, die ihm liebend gern einen Schlag auf den Kopf verpasst und sich sein Schiff geschnappt hätten. Und dann fielen die Blicke dieser Menschen auf den Apachen, der in all seiner bedrohlichen Größe vor ihnen stand und sie mit kalten, berechnenden Augen musterte. Nur für Bruchteile einer Sekunde ruhte sein Blick auf jedem Einzelnen, maß Schwachstellen ab. Er konnte jeden Angreifer mit nur einem Schlag töten, da waren sie sich sicher.
Innerlich vollführte Ismael einen erleichterten Freudensprung, als die Luke sich endlich vollständig geöffnet hatte und sie hinein eilen konnten. Während sie sich wieder schloss, blieb Thomas die ganze Zeit an der Schwelle stehen und ließ seinen den Tod verheißenden Blick über die enttäuscht weiterziehende Menge gleiten.
*
Inzwischen waren schon siebenundzwanzig Minuten vergangen, seit es zehn Uhr geschlagen hatte. Ein paar dutzend Schiffe hatten sich hier und da aus der wartenden Menge gelöst und waren zu den Toren hinauf geflogen, jedoch ließ der allgemeine Exodus noch auf sich warten.
Angespannt saß Ismael an seinem Platz und hörte den Maschinen zu, wie sie leise warm liefen.
“Wenn die gleich alle losfliegen”, meldete Thomas sich plötzlich zu Wort, “achte darauf, dass du möglichst in der Mitte des Pulks fliegst. Wir wollen der Allianz ja nicht direkt vor die Kanonen fliegen, wir müssen aber auch nicht in der Nachhut versuchen, uns durch das Trümmerfeld zu winden.” Ermutigend legte der Claner Ismael die Hand auf die Schulter. “Versuch nur keine waghalsigen Manöver! Weich allem aus, was dir im Weg ist und flieg ansonsten einfach nur vom Planeten weg, dann kommen wir hier auch lebend raus.”
Wieder ertönte ein Donnerschlag, jedoch lauter als zuvor, weniger dumpf. Die beiden Männer konnten genau sehen, wie sich in ein paar Kilometern Entfernung Teile der Decke ablösten. Es waren keine Bauteile wie zuvor, keine Komponenten der Belüftung oder etwas in der Art. Gesteinsbrocken, groß wie Häuser, groß wie die HANNA, lösten sich und stürzten hinab, begruben mit lautem Krachen Gebäude, Schiffe, Menschen unter sich. Aus dem Loch in der Decke regneten tausende Tonnen Sand herab und legten sich über die Verwüstung.
“Das reicht jetzt!” rief Ismael aus und schaltete den Antrieb auf volle Leistung. Schlagartig heulten die Maschinen auf, als er zum Steuer griff.
Thomas hielt ihn zurück. “Wir sind noch nicht bereit!”
Der Apache war schon von seiner Seite verschwunden, als Ismael noch durch die Sichtkuppel Ausschau hielt und tatsächlich Byron und Tanya entdeckte, die sich unter Zuhilfenahme Byrons drohender Pistolen einen Weg durch die Menge bahnten.
Mit einem entnervten Seufzer realisierte Ismael, dass Thomas den Cherokee wieder zu ermorden versuchen würde.
*
Byron war sich wohl bewusst, dass zu den wenigen Dingen, die er gut konnte, der Umgang mit seinen Pistolen gehörte. Seine Beherrschung dieser Waffen, der bedrohliche Eindruck, den er erweckte, sobald er sie in Händen hielt und zielgenau selbst auf nur unwillkürlich zuckende Umstehende richtete, hatte Tanya und ihm einen großen Teil des Weges vom Tower Süd bis zur HANNA freigemacht.
Die Fliehenden um sie herum bedachten Byron mit finsteren Blicken, hätten den Cherokee am Liebsten niedergeschlagen und ihm gezeigt, was er davon hatte, Waffen auf sie zu richten. Sie spürten jedoch ebenfalls, dass er diese eine Sache besser beherrschte, als alles andere auf der Welt.
Die Menge teilte sich. Einige der Umstehenden trugen plötzlich einen Ausdruck der Genugtuung im Gesicht. Byron ahnte, was nun kommen würde.
Wie ein außer Kontrolle geratener Zug preschte Thomas auf die beiden zu. Er würde Byron einfach umrennen, von den Beinen fegen und in den Boden rammen. Wieder und wieder würde er auf Byron einschlagen, bis sein Schädel barst und er den Tod fand, dem Zorn des letzten Apachen erlegen, geschützt vor dem Zorn seines eigenen Clans.
“Halt!” Byron fluchte leise. Tanya stand zwischen ihm und seinem Frieden. Thomas hatte im Lauf innegehalten, stand breitbeinig und schwer atmend vor ihr. “Lass es! Verdammt noch mal, lass es! Du darfst Byron überhaupt nicht töten. Wir haben inzwischen die Wahrheit über das Ende deines Clans herausgefunden. Hör sie dir wenigstens an!”
Thomas verzog genervt die Mundwinkel. “Warum sollte ich? Dass die Allianz versucht hat Unionswelten zu vergiften weiß ich schon längst. Dass Byron Teile dieser vergifteten Fracht in die Hände geraten sind, habe ich mir schon gedacht. Es ist ja nicht so, als hätte ich nur an Ismaels Krankenbett gesessen und seine Hand gehalten. Nein, mit Byron habe ich keinen Streit mehr. Eines Tages wird er mir sicherlich verzeihen, dass ich ihn fälschlich beschuldigt habe. Bis dahin jedoch stehe ich in seiner Schuld.”
Was nützte ihm das denn? Er hatte die Apachen umgebracht! “Töte mich endlich, du Feigling!” wollte er Thomas zurufen, ihn schütteln und schlagen, bis er sich erbarmte.
“Warum bist du dann wie wild auf uns zu gerannt?” bohrte Tanya nach.
Die Beobachter schreckten unwillkürlich zurück, als Thomas die Hände demonstrativ zu beiden Seiten ausstreckte. “Schaut euch doch um! Hier wimmelt es nur so vor Gesindel! Und da Byron ja so schlau war, jedermann seine Waffen unter die Nase zu halten, war es nur noch eine Frage von Minuten, bis ihr beide tot gewesen wäret! Und das kann ich nicht zulassen. Byrons Leben zu schützen ist Teil meiner Wiedergutmachung, so ist es Brauch.”
“Rührend!” keifte Byron missmutig. “Können wir jetzt endlich auf die HANNA? Langsam wird es voll am Himmel. Der große Massenselbstmord müsste doch bald losgehen, oder nicht?”