NOVA - Teil 2: Der Kessel - Kapitel 5
Byron war kein Arzt. Niemand konnte von ihm erwarten, all die Fachbegriffe, die ihm um die Ohren gehauen wurden, zu verstehen oder wenigstens zu behalten. Er nickte freundlich, brummte ein paar Male zustimmend, wenn die behandelnde Ärztin ihn während ihrer Vorträge anblickte und hoffte einfach, dass ihm die seltsame, mit einer zähen gelblichen Masse angefüllte Form in seinem Mund, wirklich helfen würde. Bisher spürte er nicht viel, außer dem brennenden Gefühl, das die gelbe Masse in seinem geschundenen Kiefer verursachte.
Tanya, die lange Zeit abseits gestanden und die Krankenstation beobachtet hatte, trat zu ihm. Mit aller Kraft verzog Byron seine Miene so, dass die Frau ihm seine Schmerzen hoffentlich nicht anmerkte. Er bemühte sich um ein Lächeln, welches durch die Ansammlung von Metall in seinem Mund tragisch verunglückte.
“Bie Ärpfin pfagt —”, versuchte er ein Gespräch zu beginnen, Tanya von der heroischen Bezwingung seiner Pein zu überzeugen, doch auch das wollte ihm nicht gelingen. Er klang eher, als habe er ein Stück Metall in seinem Mund. Er brachte ein kurzes, schief klingendes Lachen hervor.
Die Ärztin, eine gewisse Doktor Nigham, wandte sich Tanya zu. “Keine Sorge, ihm wird es bald wieder gut gehen. Die Schiene in Herrn of Cherokees Mund sorgt jetzt erst einmal für die nötige Stabilität, während die Paste dafür sorgt, dass die Wunden desinfiziert werden und die Brüche beginnen, sich zu schließen. In einer Stunde etwa werde ich dann damit beginnen können, die ausgeschlagenen Zähne wieder einzusetzen.” Alle drei blickten gleichzeitig auf eine kleine weiße Schale auf einem neben dem Bett stehenden Gerätewagen, in der sechs inzwischen nur noch leicht blutige Zähne lagen. “In zwei Stunden sollte er wieder in Ordnung sein. Ein paar Tage keine allzu feste Nahrung, und die Zähne sind wie neu.”
Byron traute der Ärztin nicht. Ihre Stimme war zittrig, ihr Blick riss sich immer wieder von Tanya los und wanderte durch den Raum, so als suchte sie irgendwas, einen Fluchtweg vielleicht, oder auch nur einen erfahreneren Arzt, der ihr sagte, was zu tun war.
*
In der Ferne grollte Donner. Instrumente klapperten leise, als der Boden erbebte. Die Ärzte und Helfer der Krankenstation schienen sich nicht weiter darum zu kümmern. Manch einer hielt kurz inne als der Donner erklang und wartete die kommende Erschütterung ab, um Patienten nicht durch abgerutschte Nadeln oder Skalpelle zu gefährden.
Interessiert beobachtete Byron eine Gruppe von Patienten in einer langen Reihe von Betten in einem abgesperrten Flur der Krankenstation, die alle die gleichen Symptome zu teilen schienen. Die Männer, Frauen und Kinder lagen mit bleichem Gesicht und schweißgebadet in ihren Betten, bewegten sich kaum, außer wenn sie sich von schubartigen Krämpfen geschüttelt den Bauch hielten.
Um Aufmerksamkeit bemüht gab er einige entfernt an Worte erinnernde Laute von sich, in der Hoffnung, die trotz des Bombardements neben ihm auf einem Stuhl dösende Tanya zu wecken.
Mit einem grunzenden Atemzug schlug Tanya die Augen auf. “Ja, was ist denn?” fragte sie ungeduldig.
Tief in Byron keimte ein Schuldgefühl auf, das ihn noch lange beschäftigen würde. Was immer es mit diesen Kranken auf sich hatte, musste Tanya besser vergessen machen, dass er sie gestört hatte. Und Byron war der Frau ohnehin noch einiges schuldig.
Mühsam, von hauptsächlich aus Vokalen bestehenden “Worten” unterstützt, versuchte Byron Tanya klar zu machen, was er von ihr wollte.
Endlich wandte sie sich einer Krankenschwester zu, die gerade damit fertig geworden war, einige Werte des im Nachbarbett liegenden Patienten zu überprüfen.
“Entschuldigung?”
Die Schwester sah zu Tanya auf, fuhr aber unbeirrt damit fort, die Bettdecke des Patienten zurecht zu rücken.
“Entschuldigen Sie, was ist denn mit den ganzen Leuten da los? Es sieht ja so aus, als hätten die alle die gleiche Krankheit. Ist hier ein Virus im Umlauf, oder so was?”
Heftig schüttelte die Schwester den Kopf und ging um das Bett ihres Patienten herum zu Tanya. “Nein, nein. Keine Sorge, da ist nix in der Luft. Aber ich sag Ihnen was: das hängt alles zusammen! Die Allianz bombt uns die Decke über dem Kopf weg. Rein zufällig während auf der ganzen Welt Zehntausende mit einer schweren Lebensmittelvergiftung in den Betten liegen. Eine Vergiftung, deren Ursache bisher unklar ist, und für die natürlich auch niemand eine Heilung kennt. Und jetzt passen Sie gut auf! Rein zufällig kamen all diese Lebensmittel von Welten der Allianz. Was sagen Sie dazu? Wenn Sie mich fragen, die haben das von langer Hand geplant! Ein Glück, dass die ersten Symptome so früh aufgetreten sind und vieles von dem vergifteten Zeug rechtzeitig sichergestellt werden konnte. Die wollten uns alle vergiften und dann hier herein marschieren und uns unseren Planeten wegnehmen!” Mit entschlossenem Blick fixierte die Schwester Tanya. “Das sollen die mal wagen! Die werden sich wundern!”
Ohne Tanya ein weiteres Wort zu gönnen, machte die Schwester kehrt und wandte sich ihrem nächsten Patienten zu.
Es tat einen weiteren Schlag und für einen Moment flackerten die Lichter an der Decke, hallten einzelne Angstschreie durch die Krankenstation, dann war alles wieder ruhig.
“Hast du das gehört?” rief Tanya aufgeregt. Byron nickte nur. Endlich wusste noch jemand, was er schon die ganze Zeit gewusst hatte. Er war unschuldig!
“Du hattest doch gesagt, dass du das… was war das noch? Getreide? Mehl? Was auch immer du den Apachen verkauft hast, dass dieses Zeug von der Allianz stammte!”
Und wieder konnte Byron nur nicken, auch wenn seine innere Stimme euphorisch ausrufen wollte: “Ja, genau so war es!”
“Und wenn die Allianz vorhatte, vergiftete Lebensmittel an die Union zu liefern, werden diese Mistkerle auch nicht davor zurückschrecken, gleich noch die Clans anzugreifen!”
Sie musste ja nicht wissen, dass das Mehl zwar von der Allianz stammte, jedoch nie für die Apachen bestimmt gewesen war, Byron vielmehr einige befreundete Dockarbeiter gebeten hatte, doch mal für einige Minuten in die andere Richtung zu sehen. Doch das war jetzt unwichtig!
“Eins ist klar, wenn wir Thomas später noch mal begegnen, bist du aus dem Schneider!”
“Falls wir ihm begegnen”, dachte Byron und nickte Tanya lächelnd zu.
Doch dann kam ihm ein Gedanke und seine Miene verfinsterte sich wieder. Vielleicht war es doch besser, wenn Thomas nie die Wahrheit erfuhr und ihn einfach tötete. Oder wenn im nächsten Moment eine Bombe einschlug und ihn einfach ausradierte. Wie sollte er den Cherokee denn je wieder unter die Augen treten? Er hatte die Apachen umgebracht, allesamt! Egal, ob er es gewollt hatte oder nicht, Byron war ein Mörder. Tanya mochte zwar Thomas davon überzeugen können, dass er unschuldig war, konnte seinen Ruf in der Außenwelt wiederherstellen, doch er hatte die Ehre seines Clans befleckt, und dafür würde er bestraft werden.
Mehrere Menschen stürzten zu Boden, als eine Explosion in unmittelbarer Nähe den Tower Süd erschütterte. Das Licht erlosch und kehrte nicht wieder.
Byron schloss die Augen und betete, dass seine Geschichte hier und jetzt endete.