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NOVA - Teil 2: Der Kessel - Kapitel 4

Ismael kannte diesen Morgen nur zu gut. Gleich würde die Sonne hinter den Häusern am See emporsteigen, würde durch das Fenster, durch den Spalt zwischen den Vorhängen scheinen, ihn mit ihren warmen Strahlen kitzeln, bis er erwachte.
Die Nacht war ruhig gewesen. Aus dem Süden hatte er einige Schüsse und Explosionen gehört, aber keine außergewöhnlichen Aktivitäten. Die Offensive der Regierungstruppen in der Innenstadt war vor Tagen zum Erliegen gekommen. Die Fronten waren in ihrer Bewegung erstarrt. Wichtiger noch, man hatte die Friedensverhandlungen wieder aufgenommen. Das Ende des Krieges war in den vergangenen zwei Jahren noch nie so nahe gewesen.
“Ismael?”
Ismael fuhr auf. Die Stimme hatte eindeutig einem Mann gehört. An sich war das nicht schlimm, doch befand sich kein weiterer Mann mit ihm im Zimmer. Ganz langsam stand er auf, darauf bedacht kein Geräusch zu verursachen, das Hanna aufwecken könnte. Er hatte ihr das Bett überlassen, selber auf dem Boden geschlafen, der Tür gegenüber. Darum war es doch auch unmöglich, dass hier noch jemand war, oder?
“Ismael?”
“Schlaf doch weiter. Wir haben noch ein paar Stunden Zeit.” Er hatte Hanna doch aufgeweckt. “Ich wollte dich nicht aufwecken, tut mir Leid.”
Hanna gähnte leise und drehte sich um, der Tür und Ismael den Rücken zuwendend. “Das macht doch nichts, du hast es ja nicht mit Absich—” Und schon war sie wieder eingeschlafen.
Sie waren alleine. Dessen konnte Ismael sich sicher sein, nachdem er einen Blick ins Bad, den einzigen anderen Raum, geworfen hatte. Wie auch? Er hätte jeden Eindringling bemerkt, schließlich hatte er seit geraumer Zeit einen äußerst leichten Schlaf.
Als er ins Wohnzimmer zurückkehrte, warf er kurz einen Blick auf die Schilder in der Ecke. Sie hatten gestern den ganzen Tag damit verbracht, die Sprüche aufzuschreiben und mit dicken Stiften auszumalen.
Damals hatte er gedacht, mehr als eine friedliche Demonstration stünde ihnen nicht bevor.
Doch nun kannte Ismael diesen Morgen besser.

*

Ismael hatte nie ein besonderes Talent dafür gehabt, Schätzungen anzustellen. Um ihn herum mochten sich tausend Menschen versammelt haben, zehntausend gar, vielleicht aber auch nur hundert. Zumindest aber konnte er sich sicher sein, dass jeder Anhänger des gemäßigten Flügels der Opposition anwesend war. All diejenigen, die damals, vor genau zwei Jahren, gegen den Aufstand gewesen waren, zumindest all diejenigen, die noch lebten.
Der Sinn dieser Versammlung, dieser Demonstration, war, ein Zeichen der Zustimmung zu setzen, den Verhandlungsführern der Kriegsparteien Respekt und Solidarität entgegenzubringen. Der Krieg musste enden, das stand außer Frage, doch war es umso wichtiger für die Rebellion, dies auch offen zu bekunden.
Der lichtdurchflutete Große Saal des Völkerdoms war angefüllt mit Menschen. Überall an den in einem matt goldenen Farbton glänzenden Wänden hingen Transparente und Schilder, auf denen Frieden gefordert wurde. An den Eingängen waren Sicherheitskräfte postiert, verständlich bei einer solchen Ansammlung gegen die Regierung gesinnter Kräfte. Bisher hatten die bewaffneten Polizisten jedoch keinen Anlass zur Unruhe gehabt, verhielten sich die Demonstranten doch bewusst friedlich. Heute durfte nichts schiefgehen, sonst war der Friedensprozess wieder in Gefahr.
Applaus brandete auf, als Tarcher Radinger, einer der führenden Köpfe der Friedensbewegung und heißer Kandidat auf den baldigen Vorsitz der Oppositionspartei FPM, ans Podium trat.
Ismael blickte zur Seite, musterte Hannas Profil. Er sah, wie Strähnen ihres schulterlangen blonden Haares immer wieder von ihrem Ohr in ihr Gesicht abrutschten und sie kurz mit ihrem Applaus innehalten musste, um das Haar zurückzustreichen. Ihre graublauen Augen hatten dieses Strahlen in sich, diesen Wirklichkeit gewordenen Funken der Hoffnung, den Ismael in den letzten Jahren nur noch selten in ihrem Blick gesehen hatte.
Radinger musste eine lustige Geste gemacht haben, denn Hanna lachte. Ismael wusste, was nun kommen würde. Nachdem sie einmal kurz aufgelacht hatte, presste Hanna die Lippen zusammen, so als wollte sie ihr Gelächter unterdrücken, und verzog den Mund zu einer Mischung aus Lächeln und Kussmund. Schon so oft hatte er gesehen, wie sie auf diese Art lachte, immerhin hatte es in den vergangenen siebzehn Jahren genügend schöne Momente gegeben.
Wenn der Krieg nun bald vorbei war, musste er sie endlich fragen.

*

“Ismael?”
Das Gesicht des Mannes, der sich aus der Menge herausgeschält hatte und nun immer näher kam, löste etwas in Ismael aus. Er kannte dieses Gesicht, den Mann in seiner eng anliegenden, mit Clan-Symbolik übersäten Kleidung.
“Thomas?” Wieso kannte er diesen Mann? Er war ihm noch nie begegnet, wieso erinnerte er sich an das Gesicht, den Namen? “Wieso kenne ich dich?”
“Ismael! Es wird alles gut. Wenn du meine Stimme hören kannst, dann versuch, mir ein Zeichen zu geben. Irgendwas, einen Laut, eine Bewegung, irgendwas.” Der Gesichtsausdruck des Apachen verriet Besorgnis, gar einen Anflug von Verzweiflung. Wieso denn bloß?
“Thomas, was machst du hier? Was treibt dich nach Mantis? Und wieso weiß ich, wer du bist?” Ismael war verwirrt. Er kannte diesen Mann mit absoluter Sicherheit, gleichzeitig war er ihm noch nie begegnet.
Tarcher Radinger räusperte sich, ein lautes Brummen, das von Lautsprechern durch den gesamten Saal getragen wurde.
Panik stieg in Ismael auf wie er sie schon einmal, aber auch nur einmal vespürt hatte, denn er wusste, was nun passieren würde. Er wollte schreien, doch sein Körper ließ es nicht zu, wandte sich von Hanna ab, blickte Radinger an. Der Redner räusperte sich erneut, setze zu sprechen an.
Klarer als damals vernahm Ismael die Rufe: “Nieder mit den Faschisten!” und “Tod den Verrätern!” gellte es aus mehreren Richtungen durch den Saal, dann versank alles in einem grellen Licht.

*

Ismael wusste nicht, wie lange er ohne Bewusstsein gewesen war. Als er erwachte, war das Chaos bereits vollends ausgebrochen.
Das Podium, die Tische und Stühle, Lautsprecher, all die Einrichtung des Großen Saals lag über den Boden verstreut. Dazwischen, besonders in der Nähe der Stellen, an denen die Attentäter sich in die Luft gesprengt hatten, lagen Leichen, oder Teile von ihnen. Auf den Galerien, die den Saal umgaben, fanden erbitterte Feuergefechte statt.
Auch Jahre nach diesem Tag war nicht klar, auf welcher Seite der erste Schuss gefallen war, und wieso bei dieser friedlichen Kundgebung überhaupt bewaffnete Rebellen anwesend gewesen waren.
In diesem Moment bewegte Ismael jedoch ein ganz anderer Gedanke. “Hanna!” Er drehte sich im Kreis, hielt Ausschau nach ihr. Irgendwo im Eingangsbereich des Völkerdoms gab es eine Explosion, die dumpf durch den Großen Saal hallte.
“Hanna! Wo steckst du? Hanna!” Dichte Wolken weißen Staubes zogen langsam durch die Luft, erschwerten die Sicht, ließen Ismaels Augen erröten. Tränen verschleierten seinen Blick.
Ein schrilles Pfeifen ließ Ismael aufblicken. Über der gläsernen Kuppel des Saales schwebte ein Truppentransporter des Militärs, der vermutlich seine Insassen auf dem Dach des Domes absetzen sollte.
“Hanna!” Sie musste hier doch irgendwo sein. Sie konnte, sie durfte nicht tot sein!
Ismael spürte ein unangenehmes Kribbeln in seinem Bauch.
Da war sie, am anderen Ende des Saales. Hanna stand einfach nur da und blickte zur Kuppel hinauf, beobachtete den Truppentransporter, wie er über ihnen hing und sich langsam drehte.
Plötzlich kippte die Maschine zur Seite, so als wollte der Pilot rasch die Position wechseln. Da sah Ismael den schmalen Schweif weißen Rauches, der immer weiter wuchs, dem Transporter immer näher kam.
Eine Kugel aus Feuer umfing das Heck der Maschine. Für einen Augenblick hing der brennende Truppentransporter reglos in der Luft, dann kam alles an ihm zum Stillstand. Das Leuchten des Antriebs erlosch, der Bug der Maschine neigte sich dem Boden entgegen. Nicht dem Boden, der Kuppel.
Wie in Zeitlupe bohrte sich der von Flammen umloderte Transporter in das gläserne Dach, durchstieß es mühelos. Milliarden kleiner Glassplitter regneten herab auf die Menschen im Saal, auf die Kämpfer und die Toten, auf Ismael und auf Hanna.
Ismael wandte seinen Blick ab, sah zu Hanna hinüber. Sie erwiderte seinen Blick, über die Länge des Saals hinweg. Ein Vorhang aus Splittern und Rauch, herabfallenden Stahlträgern und Menschen trennte sie.
Das immer lauter werdende Rauschen der lodernden Flammen und das Kreischen sich verbiegenden Metalls ließen Ismael in der Gewissheit, dass der Truppentransporter und die Masse der in sich zusammenbrechenden Glaskuppel den Boden und damit ihn bald erreicht haben mussten. Er wartete auf einen schweren Schlag gegen den Kopf, der ihm die Besinnung raubte und ihn von der Qual erlöste, bewusst seinen nahenden Tod zu erleben.
Gelassen blickte er in Hannas Augen. Nun hatte er es ihr doch nicht sagen können. Doch nun war es auch egal.
Ein Flüstern, mehr brachte Ismael nicht zustande. “Hanna, ich liebe dich.”
Die Wucht des auf dem Boden aufschlagenden Truppentransporters fegte Ismael von den Beinen.
Ruckartig öffnete er die Augen.
“Hallo, Ismael.” Thomas legte ihm die Hand auf die Schulter, sein Griff unerwartet sanft. “Willkommen zurück.”

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