NOVA - Teil 2: Der Kessel - Kapitel 3
“Die sind tatsächlich ohne uns abgehauen!” Tanya kochte vor Wut. Was dachte sich Thomas eigentlich? Dass er schneller war als sie, war ja nun kein Geheimnis. Aber er war ja auch nicht gerade unschuldig an ihrer derzeitigen Situation. Wie nahm er sich da das Recht heraus, sie hier inmitten all der Menschen allein mit dem verwundeten Byron zurückzulassen?
“Er meint es nicht böse”, brachte Byron mit schwacher, von sich immer wieder in seinem Hals sammelnder Flüssigkeit verzerrter Stimme hervor. “Er hat nichts gegen dich, aber dir zu helfen bedeutet mir zu helfen. Und das verbietet ihm seine Ehre. Sein Ziel ist mein langsamer Tod, und dieses Ziel wird er auf jeden Fall erreichen, egal ob er mich in Stücke schlägt oder mich irgendwo zurücklässt.”
Tanya blickte die Bahnstrecke entlang. In weiter Entfernung sah sie das gläserne Führerhaus des nächsten Zuges aufblitzen. “Sei ehrlich! Hast du Thomas’ Clan bewusst vergiftet?”
Byrons Versuch eines Lachens endete in einem fürchterlichen Hustenanfall. Er wandte sich zur Seite und spuckte einen Klumpen zähflüssigen Blutes auf den Boden. “Ich bin auf deine Hilfe angewiesen. Hätte ich die Apachen ermorden wollen, würde ich es dir wirklich verraten? Aber ich schwöre bei den Engeln des Morgens, dass ich den Apachen nie ein Leid zufügen wollte.”
Tanya wusste um die Gefahr, in die Byron sich soeben begeben hatte. Einen Schwur auf eine Macht des Morgens zu brechen oder als Lüge auszusprechen bedeutete für den Claner nach seinem Tod eine Ewigkeit in Höllenqualen.
“Nun gut, ich will dir glauben. Und wenn wir die Gelegenheit erhalten, werde ich dir helfen herauszufinden, wie es zu diesem Unglück kommen konnte. Aber jetzt müssen wir erst einmal zusehen, dass du wieder auf die Beine kommst.”
Die Bahn kam fast übergangslos vor ihnen zum Stehen. Die wenigen Passagiere blickten auf, als hunderte Menschen durch die Türen drängten.
Tanya seufzte. Sie war sich sicher, der Tag würde noch anstrengender werden.
*
Sie mussten stehen, sich an senkrecht vom Boden zur Decke verlaufenden Stangen festhaltend. Die anderen Passagiere betrachteten das blutende Gesicht Byrons argwöhnisch und hielten einige Schritte Abstand von ihm.
“Nun ja, wenigstens ist es so nicht zu eng hier”, witzelte Tanya und legte Byron ermutigend die Hand auf die Schulter. Der Cherokee war in den letzten Minuten bedenklich blass geworden.
Nur noch drei Haltestellen, dann würde die Bahn den Tower Ost erreicht haben. Dann galt es nur noch Byron versorgen zu lassen sowie Ismael und Thomas wieder zu finden, die sonst wo stecken mochten.
Die Bahn hielt abrupt an, mitten zwischen zwei Stationen. Auf beiden Seiten der Schienen standen die gelandeten Schiffe, so weit das Auge reichte liefen Menschen umher.
In der Ferne grollte Donner. Tanya versuchte sich näher zu einem der Fenster durchzudrängen. Hatten die nervösen Piloten, die ihre Liegeplätze verlassen hatten, doch versucht die Schleusen zu durchbrechen?
Erneut heulten draußen auf den Landefeldern die Sirenen auf. Neuerlicher Donner erklang, diesmal näher.
“Die Schweine bombardieren den Planeten!” rief einer der Passagiere.
Wie ein Kanonenschlag krachte es in der Höhe über der Bahn. Erstarrt beobachteten die Menschen an den Fenstern, wie einige hundert Meter vor der Bahn sich ein gewaltiges Bauteil der Hallenlüftung von der Decke löste und unerträglich langsam, fast wie in Zeitlupe, herab auf die Schienen stürzte. Der Aufprall ließ die Bahn erzittern, so dass Tanya fürchtete sie könnte entgleisen und auf die Seite kippen, doch diese Befürchtung war vergessen, als sie, wie viele andere Passagiere auch, von einem grellen Licht geblendet aufschrie. Im gleißenden Nichts ihrer Blendung gefangen hörte sie das Splittern von Glas, das Kreischen sich verbiegenden Metalls.
Tanya wollte ganz weit weg sein.
*
Die Explosion auf den Schienen hatte die Fenster der Bahn zerspringen lassen und ein gewaltiges Loch in die Gleise rechts der nächsten Weiche gerissen. Glücklicherweise war das Fahrzeug nicht seiner Führung entglitten und konnte seinen Weg in vorsichtigem Tempo fortsetzen, stets in der Gefahr von weiteren herabstürzenden Bauteilen getroffen zu werden.
Mit einem Knacken erwachten in den Wagons versteckte Lautsprecher zum Leben. “Verehrte Fahrgäste, leider können wir aufgrund der offensichtlichen Beschädigung des Schienensystems unsere ursprüngliche Route nicht mehr fortsetzen. Wir steuern daher nun den Tower Süd an und sollten ihn in einigen Minuten erreicht haben. Wir bitten um Ihr Verständnis.”
Tanya stieß einen so lauten Fluch aus, dass mehrere Passagiere in ihrer Nähe erschrocken zusammenfuhren. Byron zeigte keine Regung.
“Toll, jetzt haben Ismael und der Apache uns also nicht nur abgehängt, sie befinden sich jetzt auch noch in einem anderen Tower. Kann die Lage denn eigentlich noch beschissener werden?”
Byron hob Einhalt gebietend seine zitternde Hand. “Sehr gut, beschwör nur mal noch mehr Unheil herauf, uns geht es ja gerade so prächtig!”
Mürrisch blickte Tanya aus dem Fenster. Die Reihen der Schiffe zogen an ihr vorbei, nun bedeckt von weißem Staub, der bei jeder neuen Erschütterung von der Decke rieselte. Vereinzelt loderten Feuer auf. Feuerwehren eilten durch die engen Passagen zwischen den stehenden Raumern.
“Tower Süd. Ausstieg in Fahrtrichtung rechts. Dieser Zug endet hier.”