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NOVA - Teil 2: Der Kessel - Kapitel 2

Wäre Ismael überhaupt in der Lage gewesen, Tanyas besorgte Rufe wahrzunehmen, es wäre ihm schwergefallen in dem Aufruhr, der um ihn herum herrschte. Das Heulen der Sirenen hatte erneut eingesetzt, immer wieder unterbrochen von der ewig gleichen Durchsage, eine Flotte der Allianz sei in den Orbit um Timmans Planet gesprungen und kesselte die Welt ein. Schiffsantriebe heulten auf, erste Maschinen strebten den Schleusentoren des unterirdischen Höhlenwelt entgegen. Die Tore blieben verschlossen. Aufgebrachte Menschen schrieen jeden Träger einer Uniform der Sicherheitskräfte der Union an, forderten Informationen und die Freiheit den Planeten zu verlassen.
“Was ist mit ihm?” ertönte die tiefe Stimme von Thomas d’Apache aus dem Hintergrund.
Tanya blickte neben Ismael kniend zu dem Krieger auf. “Ich habe keine Ahnung! Er scheint einen Anfall zu haben. Wir müssen ihn so schnell wie möglich auf eine Krankenstation bringen! Und wie es aussieht, hat Byron einen Arzt auch dringend nötig.”

Stöhnend wandte der Cherokee seinen Kopf von einer Seite zur anderen, schnaubte, um das Blut aus seiner Nase zu treiben. Thomas hatte ganze Arbeit geleistet, doch bisher hatte er die Rache für die Vernichtung seines Stammes nicht vollendet. Byron, den er für die Vergiftung jedes einzelnen Apachen verantwortlich machte, lebte. Noch.
“Ich will auch sehr hoffen, dass diese Kreatur Hilfe nötig hat! Aber dir ist schon klar, dass er sie von mir nicht zu erwarten hat, oder? Er trägt die Schuld am Tod meines Volkes!” Thomas’ Stimme hatte sich nur unwesentlich gehoben, gerade so als diskutierte er mit einem Dockarbeiter über die Betankung seines Schiffes und nicht über Rache durch die Ermordung eines anderen Menschen.
Tanyas Gesicht war rot angelaufen, sie schrie den sie um gut einen Kopf überragenden Mann an. “Und Ismael? Soll der Junge hier etwa sterben?”
Thomas hob abwehrend die Hände. “Selbstverständlich nicht! Ismael hat mir nichts getan. Im Gegenteil, ohne seine Hilfe wäre ich auf der NOVA gestorben. Ich verdanke ihm mein Leben. Ich stehe in seiner Schuld.”
“Dann los, werf’ ihn dir über die Schulter! Wir suchen jetzt die nächste Krankenstation.” Eiligen Schrittes verließ sie Thomas und näherte sich dem am Boden liegenden Cherokee, reichte ihm beide Hände. ”Und weil ich so ein guter Mensch bin, kümmere ich mich um Byron.”

*

Ismael schien kein Gramm zu wiegen, mit solcher Leichtigkeit hob Thomas ihn vom Boden auf. Er verzog keine Miene, gab noch nicht einmal einen Laut von sich, der Anstrengung vermuten ließ.
Tanya tat sich da mit Byron weitaus schwerer. Noch problemlos hatte sie einen Arm um den verletzten Cherokee geschlungen, um ihm Halt zu geben. Obwohl er selbst auch redlich bemüht war, sich aus eigener Kraft fortzubewegen, knickten seine Knie doch immer wieder ein und ließen ihn kraftlos an Tanyas Seite zusammensacken.
Zwischen den Stellplätzen für die Schiffe waren in regelmäßigen Abständen Wegweiser platziert, die auf Anfrage die Richtung zu nahegelegenen Einrichtungen der unterirdischen Welt wiesen. Unglücklicher Weise lag die nächste Krankenstation im Tower Ost in mehreren Kilometern Entfernung. Zwischen den dicht an dicht geparkten Schiffen ließ sich die gewaltige Struktur ausmachen, die hoch in den künstlichen Himmel aufragte, und doch war sie noch weit entfernt. Sie ließen sich die Richtung zur nächstgelegenen Bahnstation weisen und machten sich auf den Weg.
Am Himmel, der Decke des unterirdischen Landefeldes, verharrten immer noch mehrere Schiffe in Warteposition um die Schleusen herum. Einige Kapitäne besonders wendiger Maschinen ließen sich bereits auf kleinere Konfrontationen mit den Schleusenoperatoren ein, indem sie auf Abstand gingen, mit voller Fahrt auf das verschlossene Tor zuhielten und erst kurz vor der drohenden Kollision abdrehten. Niemand schien bereit, den Weg freigeben zu wollen.
“Da oben gibt es sicher bald Tote, wenn die so weitermachen”, knurrte Tanya und zerrte Byron hinter sich her.
Inzwischen hatten Thomas und Ismael einen beachtlichen Vorsprung aufgebaut. Sichtlicht unbeeindruckt von der Last auf seinem Rücken, bahnte sich der Apache mit Leichtigkeit einen Weg durch die in alle Richtungen strebenden Menschenmassen und legte eine bemerkenswerte Strecke zurück, während Tanya um jeden Meter zu kämpfen hatte. Der Höhepunkt an Kooperation war noch, wenn einer der Umstehenden aus dem Weg ging, um nicht mit dem blutenden Byron in Berührung zu kommen.
In der Ferne erblickte Tanya die Haltestelle und die gerade einfahrende Bahn. Sie stieß einen lauten Fluch aus, der Byron kurz aufschrecken ließ, bevor sein Blick wieder kraftlos zu Boden sank. Thomas musste die Bahn längst erreicht haben. Sie selbst würde bei dem Tempo sicherlich noch zehn, fünfzehn Minuten benötigen, und das auch nur im besten Fall.
Meter um Meter drängte Tanya mit dem verwundeten Mann an ihrer Seite durch die Menge, immer die Bahn im Auge behaltend.
Mit einem sanften Ruck setzte sich die Bahn in Bewegung. Tanya blickte ihr erschöpft hinterher und fluchte leise.

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