NOVA - Teil 1: Vergessen - Kapitel 8
Auf dem Rückflug war es still. Ismael hatte Timmans Planet angesteuert, eine Handelswelt, etwa 23 Flugstunden von ihrer Ausgangsposition entfernt.
Es war zwar still, aber niemand an Bord der HANNA fand wirkliche Ruhe. Tanya hatte sich kurz nach dem Start mit den Speichersticks, die Ismael ihr übergeben hatte, zurückgezogen und war seitdem nicht mehr zum Vorschein gekommen. Byron saß in Ismaels Nähe und begutachtete fasziniert die Technik der HANNA, als habe er noch nie ein Schiff gesehen, das ein einzelner Mann in jahrelanger Arbeit handgefertigt hatte. Thomas hatte sich im Frachtraum ausgebreitet und zu einer Meditation niedergelassen. Seitdem waren die beiden Claner sich — zum Glück, wie Ismael dachte — nicht mehr gegenüber getreten.
Ismael blickte einfach nur geradeaus. Er hoffte nur, dass die zwei verfeindeten Männer einander früher oder später nicht doch in die Quere kamen und beschlossen, ihren Clinch wieder offen auszutragen.
“Ich mag deinen Esstisch”, sagte Byron hinter ihm. “Der bringt irgendwie ein wohnliches Flair in das Schiff. Ist nicht so kalt, weißt du?”
Wie es Hanna wohl ging?
Timmans Planet war eine kleine graue Kugel, bedeckt mit Bergen aus Staub, die in weiter Bahn eine riesige rote Sonne umkreiste. Die Temperaturen auf der Oberfläche waren nicht sonderlich angenehm in Anbetracht der Tatsache, dass die Höchsttemperatur knapp unterhalb des Gefrierpunktes lag, so dass sich sämtliches Treiben auf dieser Welt unter der Oberfläche abspielte. Mehrere Kilometer tief waren Raumhäfen, Lagerhallen und Handelszentren in den Boden gegraben worden.
Am Rande des Unionsraumes gelegen, nahe der Grenze zur Allianz, hatte sich Timmans Planet zu einem wichtigen Zentrum entwickelt, über das etwa zwei Prozent des gesamten galaktischen Warenverkehrs abgewickelt wurden.
Ismael brachte die HANNA nahe des Nordpols nieder, lenkte sie durch ein mehrere hundert Meter durchmessendes Hangartor in der Planetenoberfläche und setzte sie zwischen unzähligen anderen Schiffen ab.
Byron verließ das Schiff als Erster. Er trat hinaus in eine unterirdische, von in einem Kilometer Höhe angebrachten Scheinwerfern beleuchtete Kunstwelt. Tanya und Ismael folgten ihm.
In der Ferne erhoben sich immer wieder gewaltige Türme, die vom Boden aus zum Teil bis an die Decke ragten. Zwischen den gelandeten Schiffen schlängelten sich die Schienen eines Bahnnetzes entlang, auf denen Hochgeschwindigkeitszüge von Turm zu Turm eilten.
“Also dann, vielen Dank für deine Dienste”, verabschiedete Tanya sich von Ismael.
“Und wohin fliegst du jetzt? Ich meine, ich könnte dich sicherlich weiter mitnehmen, ein oder zwei Planeten noch.” Ismael wollte nicht allein sein. Wenn er allein war, kamen die Gedanken an Hanna. Und das konnte er im Moment echt nicht verkraften.
“Nein, es ist besser so. Wenn ich zu lange auf dem selben Schiff unterwegs bin, wird man mich früher oder später finden. Und das wäre nicht gut, weder für mich noch für dich.” In ihrem Blick sah Ismael zu seiner Überraschung echte Sorge. Ob um sie selbst oder um ihn, konnte er nicht sagen. Und finden? Wer sollte sie finden? Wer suchte sie überhaupt?
“Cherokee!” erklang es aus dem Schiff. Tanya und Ismael drehten sich um und traten gleichzeitig zur Seite. Zum Glück, denn im selben Moment kam Thomas angerannt, drängte sich zwischen ihnen hindurch und stürzte sich auf Byron.
Schon als Byron den Schrei gehört hatte, war er herumgefahren, seine zwei Pistolen bereits schussbereit in den Händen. Aber er war doch etwas zu langsam gewesen, wurde von Thomas umgerissen.
Wieder und wieder krachten Thomas’ Fäuste in Byrons Gesicht, das immer blutiger wurde. Die Haut riss auf, Blut und Speichel flogen nach allen Seiten. Sirenen heulten auf, erfüllten die unterirdische Welt. Und Chaos brach aus.
Wie in Panik rannten plötzlich Menschen in alle Richtungen. Schreie ertönten, wurden von dem immer wieder an- und abschwellenden Geheul der Sirenen überdeckt.
Thomas hielt inne, ließ Byron Luft holen.
Tanya sprang von der Frachtrampe und stellte sich einem Mann in den Weg, den sie für einen Offizier der Unionsflotte hielt. “Was ist denn los? Was lauft ihr alle herum, als ob gleich die Welt untergeht?”
Für einen Moment musterte der Mann sie, setzte zu sprechen an, da schnitt ihm eine Stimme, die das soeben verstummte Sirenenheulen ersetzte, das Wort ab. “Soeben ist eine Kriegsflotte der Allianz in den Orbit gesprungen und hat den Planeten eingekesselt. Bis jetzt hat sie keinen Funkkontakt aufgebaut, ignoriert sämtliche Rufe. Ob es sich hierbei um einen Akt der Aggression handelt, ist momentan unklar, jedoch hat die Verwaltung den planetenweiten Verschlusszustand angeordnet. Bis auf Weiteres darf kein Schiff den Planeten verlassen. Weitere Durchsagen folgen.”
“Sieht ganz so aus, als sollten wir vielleicht doch noch eine Weile zusammenhalten, meinst du nicht?” fragte Tanya Ismael und wandte sich zu ihm um.
Mit einem heiseren Aufschrei lief sie auf Ismael zu, der sich zuckend auf dem Boden wand, den Blick starr in den Himmel gerichtet.