NOVA - Teil 1: Vergessen - Kapitel 7
“Habe ich mich also doch nicht geirrt!” stieß Byron hervor, während er interessiert die gläserne Kuppel betrachtete. “Hey, lasst uns auf die Front unseres riesigen Schiffes eine ebenso riesige Glasscheibe schrauben! Die stellt bestimmt kein Sicherheitsrisiko dar! Himmel, warum sind die Menschen nur so besessen von der Idee, Fenster in ihre Raumschiffe zu schrauben?“
“Wenn wir schon dabei sind”, warf Ismael zu Byrons Überraschung ein, “warum sind wir so besessen von der Idee, unsere Schiffe müssten eindeutige Richtungen aufweisen, wenn sie doch in einem richtungslosen Medium fahren?”
Byron lächelte schlagartig. “Hey, großartig! Ein belesener Mann. Ich bin ohnehin der Meinung, dass Darlton Sheer heutzutage viel zu wenig gelesen wird. Der Mann hat meine Auffassung der Raumnavigation völlig verändert.“
Angesichts des langsam in eine etwas zu technische Nische abdriftenden Smalltalks zwischen Ismael und dem Fremden, der eine Waffe auf sie gerichtet hielt, hatte Tanya genug. “Es freut mich, dass ihr so schnell dicke Freunde geworden seid, aber — Byron? Was soll der Unfug?”
“Ich muss zugeben, ich habe euch durch Zufall im Stardust belauscht. Also, nicht wirklich belauscht, aber ich war halt zum richtigen Zeitpunkt in Hörweite und bin dort auch geblieben. Jedenfalls bin ich euch seit San Havanna gefolgt. Deine Geheimniskrämerei um den Auftrag war einfach zu interessant!
“Und nun stehen wir hier, wir drei. Und einer von euch, vermutlich die energische Dame zu meiner Rechten, hat sicherlich einen total gut durchdachten Plan in der Hinterhand, wie dieses Schiff denn eigentlich zu bewegen ist.”
Doch anstelle einer Antwort erhielt Byron von Tanya nur ein lustloses Schulterzucken.
“Tolle Idee, den Mann in den Pistolen zu reizen. Weißt du, die können tödlich sein. Nun gut. Pilotenjunge!” Ismael merkte auf. “Wow, darauf hörst du? Oder bist du einfach von Natur aus schreckhaft? Egal. Wie ist es denn um den Antrieb dieses Kahns bestellt?”
Mit unruhiger Hand deutete Ismael auf den kleinen Generator, der dem Terminal Energie spendete. “Das ist der einzige Grund, warum hier überhaupt etwas funktioniert. Ansonsten scheint keiner der Datenknoten im Schiff zu arbeiten. Somit haben wir von hier aus keinerlei Zugriff auf den Antrieb.”
Byron überlegte einen Moment. “Na dann lass dir was einfallen! Es muss doch irgendwelche Notfallsysteme geben. Ich meine, die Luftversorgung scheint ja auch noch intakt zu sein. Also, ich vertraue darauf, dass du mir in 15 Minuten einen völlig überzeugenden Plan präsentieren kannst, sonst wird es hier zur Anwendung von Gewalt kommen.
“Und nun zu dir”, wandte er sich an Tanya. “Sei doch so lieb und verrate mir, woher du überhaupt wusstest, dass hier, im Zentrum der Galaxis, ein seit fünfhundert Jahren verschollenes Schiff treibt!”
“Das wüsste ich im Übrigen auch gerne!” warf Ismael ein, nur um sich sofort wieder an seine Arbeit zu machen.
Mürrisch verzog Tanya das Gesicht. Sicher, sie konnte schweigen, aber für Byron hatte sie ihren Zweck erfüllt. Der Mann vom Clan der Cherokee war an Bord des Schiffes, und um es fortzuschaffen brauchte er sie nicht zwingend. Also musste sie wohl oder übel reden, wenn auch nur um ihn bei Laune zu halten.
“Also gut, ich —”
Und in diesem Moment stürzte Byron zu Boden, umgerissen von einem zweiten Mann, der aus dem Nichts erschienen war und sich auf ihn geworfen hatte.
Ismael und Tanya machten beide vor Schreck einen Satz zurück und beobachteten aus einigen Metern Entfernung das Geschehen.
Die Kämpfenden rollten ein Stück weit über den Boden und kamen zum Stillstand, Byron zuunterst. Der Angreifer richtete sich auf und stemmte seinen Fuß gegen Byrons Kehle. Was sicherlich kein angenehmes Gefühl war, maß der Angreifer doch gut zwei Meter oder etwas mehr, und stellte einen muskulösen Körper zur Schau, der wie die Idealvorstellung alles Männlichen wirkte, ein Krieger, der ohne große Mühe mit bloßen Händen töten konnte.
Krächzende Laute entflohen Byron: “Was… zur… wer?”
“Tu nicht so unwissend, Cherokee!” donnerte der ebenmäßige Bass des Angreifers durch den Raum. “Ich bin Thomas d’Apache, der Letzte meines Clans. Und ich bin hier, um Rache zu nehmen!”
“Rache?” entfuhr es Ismael, Tanya und Byron gleichzeitig.
“Diese Kreatur”, fuhrt Thomas mit zorniger Stimme fort, “hat vor acht Tagen mehrere Container Weizenmehl an meinen Clan verkauft. Es wurde verwendet, um Brot für das Fest der sieben Flüsse zu backen. Jeder, der von diesem Brot gegessen hat, ist nun tot. Ich bin der letzte noch lebende Apache. Und bald wird es zumindest einen Cherokee weniger geben!”
Byron riss die Augen auf, als er erkannte, was geschehen war. “Warte! Ich habe das Mehl doch überhaupt nicht angerührt! Das Zeug kam von einem Frachter. Sämtliche Lieferungen kamen von der Allianz und waren für Welten der Union bestimmt! Was auch immer mit der Ware nicht gestimmt hat, es lag nicht an mir, sondern an der Allianz! Komm, Apache! Du musst mir glauben!”
Als Thomas erneut zornig auf Byron einredete, wurde Ismael durch eine jähe Bewegung an seiner Seite abgelenkt. Auf dem Terminal waren Hinweise erschienen.
“Automatische Selbstdiagnose läuft.”
“Notfallprotokolle aktiv.”
“Suche nach Lebenszeichen.”
“Kommandoidentifikation erforderlich.”
Ein Eingabefeld erwartete rastlos blinkend Eingaben von Menschen, die seit Jahrhunderten tot waren. Ismael wurde sofort klar, dass das nichts Gutes bedeuten konnte.
“Hört auf!” schrie Tanya, als Thomas seine geballte Faust auf Byron niederstürzen lassen wollte. Für einen kurzen Moment stockte der Angreifer. “Apache! Hör dir doch wenigstens in Ruhe seine Argumente an. Danach könnt ihr euch immer noch gegenseitig umbringen, aber nicht so!”
Thomas, wie in seiner Bewegung eingefroren, rief mit eiskaltem Ton in der Stimme zurück: ”Halten Sie sich daraus! Sie haben hiermit nichts zu tun!”
Diesen kurzen Moment der Ablenkung wusste Byron zu nutzen. Er zog die Beine an und stieß Thomas von sich. Der Angreifer stolperte einige Schritte zurück. Zeit genug für Byron, sich zur Seite zu rollen und eine seiner fallengelassenen Pistolen zu greifen. Ohne lange zu zögern drückte er ab. Von Magnetfeldern getrieben schoss ein Projektil hervor und zog nur Millimeter an Thomas’ Kopf vorbei.
“Waffenemissionen entdeckt. Eindringlingsalarm geben? Identifikation erforderlich!”
Ismael fühlte ein unangenehmes Rumoren in seinem Bauch. Er wollte gerade absolut nicht hier sein.
“Selbstdiagnose abgeschlossen. Alle Systeme begingt einsatzbereit (max. Stufe H).”
“Suche nach Lebenszeichen abgeschlossen. Minimalbesatzung nicht vorgefunden.”
“Sicherheitsprotokolle aktiv. Waffenemissionen entdeckt. Minimalbesatzung nicht vorhanden. Protokoll I-01 aktiviert. Einleitung der Selbstzerstörung in einer Minute. Zum Abbruch Identifikation erforderlich.”
Ja, jetzt war Ismael wirklich schlecht.
Und dann blieb die Zeit stehen. Tanya setzte nicht mehr zu einem erneuten Schrei an. Thomas rannte nicht auf Byron zu. Byron gab keinen weiteren Schuss ab. Ismael ging nicht in die Knie, um seine Übelkeit zu lindern.
Eine ruhige, freundliche Frauenstimme erklang aus versteckten Lautsprechern, hallte durch den Raum: “Sicherheitsstörung festgestellt. Selbstzerstörung eingeleitet. Selbstzerstörung in zehn Minuten.” Dann war sie wieder still.
Drei Augenpaare richteten sich voll Überraschung und Zorn auf Ismael.
“Was hast du getan?” schrie Tanya wütend.
“Ich dachte das Schiff hätte keine Energie mehr!” rief Byron.
Thomas schwieg.
Ismaels Stimme zitterte. War jetzt wirklich der richtige Moment, um Detailfragen zu klären? “Byron muss Recht gehabt haben. Das Schiff verfügte über Notfallreserven. Deswegen liefen vermutlich auch die Lebenserhaltung und die lokalen Datenserver noch. Als es feststellte, dass ich von hier aus auf andere Systeme zugreifen wollte, setzte es seine Sicherheitsprotokolle in Gang. Und da ich mich nunmal nicht als Offizier dieses Schiffes identifizieren kann, hält es uns für Eindringlinge und will uns loswerden.”
Da kam Ismael ein Gedanke. Rasch zog er die noch ans Terminal angeschlossenen Speichersticks ab und verstaute sie in einer Tasche seines Schutzanzugs. “Also ich verlasse das Schiff jetzt. Tanya, du bist mir selbstverständlich willkommen.”
“Mein Schiff ist zu weit entfernt”, meldete sich Byron. “Selbst wenn ich renne, brauche ich mindestens eine Viertelstunde. Ich wollte ja nicht, dass ihr mich entdeckt.”
Thomas fügte ungerührt hinzu: “Mein Schiff ist ebenfalls weiter entfernt gedockt.”
Ohne lange zu zögern antwortete Ismael: “Damit das klar ist, ich schlage niemandem die Tür vor der Nase zu. Aber auf meinem Schiff wird nicht gekämpft. Ein Schlag, ein Tritt oder ein Schuss und ihr zwei fliegt zusammen aus der Frachtschleuse ins All. Und ich will jetzt los!”
So rannten sie zu viert los, Tanya vorneweg. Ismael hoffte, dass sie sich den Weg besser eingeprägt hatte als er, denn schon nach der ersten Kurve war er hoffnungslos verloren.
Sie hatten all ihre Ausrüstung auf der Brücke zurückgelassen, um schneller laufen zu können, und tatsächlich hatten sie die HANNA nach wenigen Minuten erreicht.
Als sie alle an Bord waren, hieb Ismael auf einen großen roten Schalter neben der Frachtrampe und sofort schloss sich das Schott, während der Schlauch, der die beiden Schiffe verband, in sich zusammenfiel und eingeholt wurde. Weitere Notfallprogramme setzten automatisch ein und als das Schott ganz geschlossen war, katapultierten ihre Steuerdüsen die HANNA mit einem mächtigen Stoß so weit von der ARK NOVA fort, wie sie es vermochten.
Ismael eilte zu seinem Pilotensitz und riss das Steuer brutal um. In diesem Moment gab es Wichtigeres, als fliegerisches Können. Er drückte den Schubregler bis zum Anschlag und wurde tief in den Sitz gepresst, als die HANNA hinaus in den gleißend hellen Himmel schoss.
Ein Monitor zeigte die rückwärtige Sicht der HANNA. Reglos stand die NOVA im Raum, zeichnete sich als kilometerlanger grauer Zylinder vor dem von ungezählten Sonnen erhellten All ab. Dann brach an einer Stelle wie eine knospende Blume eine Zunge aus Feuer durch die Hülle des Schiffsgiganten. Dann noch eine. Und noch eine. Binnen Sekunden explodierten hunderte Sprengladungen, die über das gesamte Schiff verteilt gewesen waren.
Ismael hatte sich das Ende dieses Schiffes, das seit Jahrhunderten der Stoff von Legenden war, spektakulärer vorgestellt. Doch die NOVA verschwand einfach nur in einer Wolke aus Trümmerteilen, die in alle Richtungen fortgeschleudert wurden.
Die Übelkeit war weg, als Ismael sich zu seinen drei Passagieren umwandte. “Ich bereite den Vortex vor. Sprung in einer Minute.”