NOVA - Teil 1: Vergessen - Kapitel 5
Ihr Name war Tanya Vallier, so viel hatte Ismael gerade von ihr erfahren können. Sie war schlank sowie recht hoch gewachsen, überragte ihn sogar um einige Zentimeter.
Relativ sicher konnte Ismael sagen, dass sie von einer Welt im Parker-Territorium stammte. Ihre sorgfältige Betonung deutete darauf hin, dass sie in besserem Umfeld aufgewachsen war, des Öfteren jedoch verschluckte sie ein “r”, wie es auf Parker-Welten in eher niederen Schichten üblich war.
Sie hatten gerade einmal zwei Stunden gebraucht, um Ausrüstung und Vorräte zu besorgen und das Schiff damit zu beladen, während Tankfahrzeuge des Hafens Treibstoff in die HANNA pumpten. Die gefüllten Tanks hätten es dem Schiff problemlos ermöglicht, einmal die halbe Galaxis zu durchfliegen und auch die Menge an Vorräten wies auf ein längeres Unterfangen hin. Ismael schätzte, dass die Lebensmittel für gut zwei Wochen reichen würden.
“Also dann, das Schiff ist startklar”, verkündete Ismael ungeduldig, als sie sich endlich auf der Brücke gegenüberstanden. “Jetzt fehlen nur noch die Zielkoordinaten.” Fordernd streckte er Tanya die Hand entgegen. Er wollte endlich wissen, wohin die Reise führen sollte.
Wortlos drückte Tanya ihm einen Zettel in die Hand. Er las die darauf notierten Koordinaten und bemühte sich in Gedanken grob, die Werte einem eindeutigen Punkt in der Galaxis zuzuordnen.
“Einen Moment mal!” entfuhr es ihm. Diese Werte konnten nicht stimmen. “Diese Werte können nicht stimmen!”
Tanya lächelte gelassen, blieb von seiner Aufregung äußerlich unbeeindruckt. “Doch, doch. Die Werte sind völlig in Ordnung. Wir fliegen ins Zentrum der Galaxis.”
Ins Zentrum fliegen? Reiner Selbstmord. Sonnen stehen dicht an dicht, kollidieren, reißen sich gegenseitig in Stücke. Gasblasen gehen in Flammen auf und stürzen in ein endloses schwarzes Nichts. An was für eine Version der Hölle man auch glaubte, das Zentrum der Galaxis kam allen Vorstellungen am Nächsten. Und Ismael sollte mit voller Fahrt dort hineinfliegen?
“Das ist doch reiner Selbstmord!” flüsterte er entgeistert.
Andererseits, was hatte er zu verlieren? Hanna? Ein Leben ohne sie?
Aber es gab sicherlich angenehmere Tode, als in diesem Inferno zu verglühen.
Überlebte er jedoch, stand ihm eine entspannte Zeit bevor, ausgestattet mit dem fürstlichen Lohn, den Tanya ihm versprochen hatte.
Seit Minuten blickte sie ihn erwartungsvoll an. Ismael hatte sich nicht gerührt, seit er die Zielkoordinaten gelesen hatte.
Sacht hob die HANNA ab und verließ die Atmosphäre von San Havanna. Der Flug ins Zentrum würde etwa vier Tage in Anspruch nehmen. Vielleicht, so hoffte Ismael, würde er in der Zeit ja endlich herausfinden, welchen Umständen er dieses Wagnis überhaupt zu verdanken hatte.
Am ersten Tag war Ismael aufgeregt. Voll Erwartung blickte er hinaus in den wabernden Hyperraum und sah doch nichts. Aber er dachte an all die Dinge, die kommen mochten. Relikte fremder Zivilisationen. Eine verlorene Welt. Ein unerhörtes komisches Phänomen. Seine Vorstellungskraft brachte immer neue Ideen hervor. Geschuppte siebenköpfige Riesenstrauße mit Speeren bildeten den Höhepunkt seiner Exkursion ins Unbekannte, als seine Augen zufielen.
Nur für einen Moment senkten sich seine Lider, doch sofort schreckte er auf. Ein Blick auf die Uhr verriet ihm, dass er bereits seit elf Stunden am Steuer saß. Wo war eigentlich Tanya? Sie hatte kurz nach dem Start die Brücke verlassen und war seitdem nicht wieder zum Vorschein gekommen.
“Ist auch egal. Solange sie keinen Unfug anstellt, soll sie doch machen was sie will. Ich gehe jetzt pennen.”
Ismael sicherte die Steuerung, so dass das Schiff in seiner Abwesenheit stur geradeaus flog. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in dieser Zeit auf Kollisionskurs mit einem anderen Schiff oder einem durch Zufall in den Hyperraum entglittenen Asteroiden gerieten, war relativ gering, und selbst wenn, würden ohrenbetäubende Alarme ihn rechtzeitig aus dem Schlaf reißen. Er stöhnte, als er sich aus dem Pilotensitz erhob. Alles tat ihm weh.
Am zweiten Tag war Ismael gelangweilt. Der Hyperraum war grau. Sehr grau.
Am Morgen, wie ihm die Borduhr weismachen wollte, hatte er sich ein Blatt Papier genommen und angefangen, all die Formen aufzuschreiben, die er in dem Wabern vor dem Fenster erkennen konnte. Gegenstände, Tiere, Gesichter listete er auf, dachte sich immer neue Regeln aus, um die Funde zu gewichten, ihnen Punkte zuzuweisen und sich letztlich zum souveränen Sieger in diesem Wettbewerb mit sich selbst zu küren.
Tanya war kurz zum Frühstück hervor gekommen und dann wieder verschwunden. Sie hatte sich verbarrikadiert hinter einer Mauer aus Speicherkarten und Büchern. Jedesmal, wenn Ismael den Wohnbereich des Schiffes betrat, musste er über Stapel zum Teil uralter Dokumente steigen. Darunter befanden sich wissenschaftliche Berichte über die Zentrumsregion, ebenso wie historische Aufzeichnungen, die zum Teil mehrere Jahrhunderte zurückreichten, bis in die Zeit des Pangalaktischen Völkerbundes.
Am dritten Tag saßen Ismael und Tanya sich gegenüber und taten nichts.
“Wir sollten unser Ziel bald erreicht haben”, sagte er.
“Ja”, sagte sie.
“Findest du nicht, dass du mich so langsam einweihen könntest in dein Geheimnis?” fragte er.
“Nein”, antwortete sie.
Am vierten Tag gab es Nudeln. Zugegeben, auch am ersten, zweiten und dritten Tag gab es Nudeln, aber nur die Nudeln des vierten Tages besaßen im Nachhinein eine gewisse Relevanz.
Nach dem Mittagessen blicke Ismael auf die Uhr, die seit dem Abflug unermüdlich die Sekunden bis zur Ankunft abzählte. “Wir verlassen jeden Moment den Hyperraum. Setz dich besser hin und schnall dich an!”
Als er sich in den Pilotensitz fallen ließ, stand Tanya neben ihm. Na gut, sollte sie sich halt festhalten, es war schließlich nicht sein Problem, wenn sie sich beim Sturz in den Normalraum den Kopf stieß.
Das Grau des Hyperraums riss auf und spie das Schiff aus vor ein Panorama aus dunkelgrauem Metall.
Metall?
“Kollisionsalarm! Setz dich endlich hin!” schrie Ismael, während er den Schubregler zurück riss und das Steuer bis zum Anschlag zur Seite drückte.
Der Sicherheitsgurt schnitt ihm in die Schultern, als unmenschliche Kräfte versuchten, Ismael aus seinem Sitz zu drücken. Er sah, wie Tanya sich irgendwo in weiter Ferne in ihren Sitz zog und anschnallte.
Keine zehn Meter vor der Wand aus Metall kam das Schiff zum Stillstand. Durch die halbe Wende, die die HANNA geflogen war, konnte Ismael an der Wand entlang blicken. Erst in mehreren Kilometern Entfernung schien sie zu enden und Platz zu machen für den weiß strahlenden Himmel, der nur gelegentlich von schwarzen Flecken durchbrochen wurde.
Ismael brachte das Schiff auf Abstand. Es dauerte eine Weile, bis sie die gesamte Struktur überschauen konnten. Tanya lehnte sich vor und blickte aus dem Fenster.
Vor dem weißen Himmel stand eine graue Walze von vierzehn Kilometern Länge und einem Durchmesser von fast einem Kilometer. An ihrem einen Ende wölbte sich eine gläserne Kuppel von hundert Metern Durchmesser hervor, an ihrem anderen Ende ruhten zehn Triebwerke. Überall auf der Hülle zeigten sich kleinere Strukturen: Sensoren, Zugangsluken, Geschütze.
Das Schiff war übersät von Narben. Schwarze Spuren bedeckten weite Teile der Außenhülle, breite Risse zogen sich durch das Schiff. Nur schwach war die Aufschrift zu erkennen, die einst mehrere Meter hoch auf der Hülle geprangt haben musste: “A NO ”
“Scheiße! Das ist doch unmöglich!”
Tanya war nicht ansatzweise so aufgeregt, wie Ismael. Zumindest nach außen. “Es ist wohl möglich, du siehst es doch selbst: eine der drei Archen des Völkerbundes, die ARK NOVA.”
“Aber wie geht das? Die NOVA ist doch vor über 500 Jahren spurlos verschwunden.”
“517 Jahre, um genau zu sein. Und weißt du was, jetzt sehen wir sie uns einmal aus der Nähe an.”