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NOVA - Teil 1: Vergessen - Kapitel 1

“Es ist nicht mehr weit!” Immer wieder sagte sich Hanna diesen Satz in Gedanken auf. Die letzten zwanzig Kilometer des Weges steckten ihr in den Gliedern, zerrten peinigend an jedem Muskel. “Es ist nicht mehr weit!” Seitdem die Regierungstruppen vor drei Tagen eine neue Offensive im Finanzviertel begonnen hatten, war das ehemalige südliche Industriegebiet nur noch über weite Umwege erreichbar. Außer man war bereit, um sein Leben zu kämpfen, doch Hanna hatte heute Wichtigeres zu tun.
Seit nunmehr fünf Stunden eilte sie durch die schmalen Gassen zwischen den eingefallenen und ausgebrannten Ruinen, stets darauf gefasst, in einen Hinterhalt zu geraten. Durch Jahre des Kampfes geübt, nahm sie jede Regung selbst in den dunkelsten Schatten wahr. Hanna war durchaus der Meinung, Gefahren einigermaßen verlässlich vorausahnen zu können, doch völlige Sicherheit besaß sie trotzdem nicht.

Hier im alten Industriegebiet im Süden der Stadt, das über eine einst heftig umkämpfte Brücke mit dem Finanzviertel verbunden war, war schon seit Jahren kein Schuss mehr gefallen. Die Industrieanlagen waren bereits kurz vor Kriegsbeginn stillgelegt worden, um dem geplanten neuen Messeareal zu weichen. Die alten Hallen standen leer, die Fertigungsstrecken waren längst demontiert. Für die Entscheidungsträger des Krieges war dieses Gebiet uninteressant geworden.
Die Zähne zusammenbeißend zog sich Hanna auf eine hervorstehende Plattform und lehnte sich für ein paar Momente an einen der Stahlträger, die die Plattform in der Luft hielten. In der Ferne sah sie die aus dem Boden ragende Kralle, die Ruine des “Völkerdoms”. Aus allen Teilen der Galaxis sollten die Besucher herbeiströmen und die architektonische Meisterleistung des Domes bewundern, so der Plan der Regierung. Einer von vielen Plänen, die durch den Krieg zunichte gemacht geworden waren. Vor drei Jahren hatte Hanna die Schlacht um den Dom miterlebt, hatte instinktiv zu Boden geschaut, als rings um sie die Kämpfer geblendet wurden von der Explosion über ihnen. So hatte sie auch nur das ohrenbetäubende Grollen gehört, das vom Sturz der gläsernen Kuppel kündete. Wie durch ein Wunder hatte sie zu den Wenigen gehört, die nicht von den tausenden Tonnen herabstürzenden Glases und Metalls erschlagen worden waren. Nach dem Untergang dieses letzten Stücks nutzbarer Infrastruktur, hatten die Regierungstruppen das Viertel aufgegeben und auch nie wieder versucht, es zurückzuerobern. Und auch Ismael war nicht mehr derselbe gewesen.
Unmissverständlich protestierten ihre Beine, als Hanna sich aufraffte und von der Plattform hinab kletterte.
Immer wieder staunte Hanna, wenn sie sich bewusst machte, dass der Krieg nunmehr schon fünf Jahre andauerte und dass auch nach all dieser Zeit noch kein Ende abzusehen war. Denn entgegen aller Beteuerungen der Regierung über Jahre hinweg, war Mantis IV für den Rest der Menschheit unbedeutend. Eine blockfreie Welt, noch dazu weitab jeder Handelswelt oder Frachtroute gelegen, konnte unbesehen im Chaos versinken. Selbst wenn der Planet in Milliarden Stücke gesprengt würde, fiele es erst einige Tage später jemandem auf, wenn überhaupt.
Crystal Lake City, das Erbe einer Generation von Visionären, einer Generation von Träumern, war zu einer grauen Ruine geworden. Der große See lag trocken, die letzten Pfützen angefüllt mit einem stinkenden Gemisch aus Wasser, Schutt und Blut. Ausgebrannte Wracks säumten das Ufer des Sees, auf dem einst pfeilschnelle Boote fuhren. Die prächtigen Glasbauten, deren Funkeln das des Sees noch in den Schatten gestellt hatte und an deren Anblick sich Besucher ihr Lebtag erinnern sollten, waren unter Beschuss in sich zusammengestürzt und warfen nun als verwahrloste Stahlgerippe wirre Schatten auf die Straßen.
Die Bevölkerung war mit Anbruch des zweiten Kriegsjahres endgültig aufs Land geflüchtet. Die kleinen Vororte, aus deren Mitte die Hauptstadt wie eine gläserne Krone emporgeragt hatte, waren über Nacht zu Flüchtlingslagern verkommen. Millionen lebten in Zelten, Containern, Hütten.
Hinter dem schief herabhängenden Schild einer alten Kunststofffabrik konnte Hanna die Halle erkennen. Hinter den notdürftig abgedichteten Fenstern brannte Licht, wie immer. Seit drei Jahren arbeitete Ismael hier, hatte die Halle nur selten verlassen. Hier hatte er die Ruhe, die er benötigte, um sein Werk zu vollenden. Egal wie oft Hanna ihm Hilfe angeboten hatte, egal wie oft sie ihm Männer schicken wollte, um ihn bei seiner Arbeit zu unterstützen, hatte Ismael sie stets abgewiesen. Seine verdammte Sturheit würde —
Hanna warf sich aus dem Lauf hinter einem umgestürzten Auto zu Boden. Vorsichtig robbte sie vor und lugte um die Ecke. An der nächsten Wegkreuzung schob sich der Schatten, den sie erblickt hatte, immer weiter die Straße entlang. Dann war da ein zweiter Schatten. Und noch einer. Und noch einer. Wenige Momente später trat ein Mann in der Uniform der Regierungstruppen auf die Kreuzung und ging an einer Hauswand in die Knie. Durch die Zielvorrichtung seines Gewehres suchte er die Umgebung ab, bevor er seinen Hinterleuten Handzeichen gab. Ein weiterer Soldat folgte ihm, sicherte die die Hauptstraße in der Richtung ab, in der Ismaels Halle lag. Binnen einiger Sekunden war die Kreuzung von fünf Soldaten besetzt.
Sie stieß einen leisen Fluch aus. Fünf Gegner, das würde schwierig werden. Aber sie konnte den Trupp auch nicht passieren lassen, sonst entdeckten sie Ismael mit ziemlicher Sicherheit. Und Ismael und seine Arbeit waren eine Ressource, die auf keinen Fall in die Hände der Regierung fallen durfte.
Hanna versuchte sich die Verteidigungspläne für dieses Viertel wieder ins Gedächtnis zu rufen. Nachdem das Gebiet von der Regierung aufgegeben worden war, hatten die Rebellen an mehreren Knotenpunkten Sprengladungen angebracht, um einer eventuell wieder einfallenden Streitmacht den Weg zu versperren.
Es war die falsche Kreuzung. Hanna hätte vor Wut schreien können. An der nächsten Kreuzung hätte sie den Feind problemlos in einen Hinterhalt locken können. Hier blieb ihr nur das Risiko eines offenen Kampfes.
Sie musste schnell reagieren. Der Führer des Trupps deutete in die Richtung, in der Ismaels Halle lag, und gab das Zeichen zum Aufbruch. Als der erste Soldat seine Stellung aufgab, um zur nächsten Kreuzung vorzurücken, war ihre Chance gekommen. Ein gezielter Schuss, gepaart mit viel Hoffen und Bangen, löste das Schild der Kunststofffabrik von der letzten Schraube, die es noch hielt. Die meterlange Metallplatte gab ein markerschütterndes Kreischen von sich, als sie sich verbog und weiter aufriss. Dem Truppführer blieb noch genug Zeit, um erschrocken “Deckung!” zu schreien, da krachte das Schild auch schon auf den Boden und begrub zwei Soldaten unter sich.
Den Schreck der Männer galt es zu nutzen. Hanna wirbelte herum zum anderen Ende des Autos. Sie konnte zumindest hoffen, dass die Soldaten noch verwirrt waren, und erst die Seite des Fahrzeugs unter Feuer nahmen, von der aus der Schuss abgegeben worden war. Hastig griff sie an ihren Gürtel und zog die letzte Granate, die ihr nach einer anstrengenden Woche noch geblieben war, aus ihrer Halterung.
Diesmal blieb keinem der Soldaten noch die Zeit auch nur eine Warnung auszustoßen. Hanna sah den Blitz nicht, hörte und spürte die Explosion aber sehr wohl.
Stille. Kein einziger Schuss erklang. Hanna wurde nicht aus drei Gewehren unter Beschuss genommen, wie sie hatte befürchten müssen. Vorsichtig wagte sie einen Blick aus der Deckung heraus. Was von den drei Soldaten übrig war, lag um das herabgestürzte und von der Explosion verbogene Schild herum verteilt, auf dem Boden, an den Hauswänden.
Hanna gab sich einen Ruck und lief weiter.
Es war nicht mehr weit.

1 response to “NOVA - Teil 1: Vergessen - Kapitel 1”

  1. #1. borsti on December 31st, 2007 at 2:09 pm

    Sehr schön. Find ich super die Geschichte jetzt hier weiterverfolgen zu können. Nur blöd noch warten zu müssen bis etwas neues für mich kommt :) Wünsche dir einen guten Rutsch!

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